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Adolph Freiherr von Knigge
Zum
Umgang mit sich und anderen Menschen
Über
den Umgang mit Leuten von verschiedenen Gemütsarten,Temperamenten und Stimmung
des Geistes und Herzens
Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen und
zu behaupten, ein Mensch sei entweder cholerisch, phlegmatisch,sanguinisch
oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine dieser Gemütsarten
so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz
von einer ändern modifiziert würde, da dann aus dieser unendlichen Mischung
der Temperamente jene feinen Nuancen und die
herrlichsten Mannigfaltigkeiten
entstehen, so ist doch mehrenteils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer
von jenen vier Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem
Ozean dieses Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntnis
über die vier Haupttemperamente ablegen, so muß ich aus Überzeugung folgendes
sagen:
Bloß Cholerische Leute flieht billig jeder, dem seine Ruhe lieb
ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehrt, ohne zu wärmen.
Bloß
Sanguinische sind unsichre Weichlinge, ohne Kraft und Festigkeit.
Bloß
Melancholische sind sich selbst, und bloß Phlegmatische andern Leuten eine
unerträgliche Last.
Cholerisch-sanguinische Leute sind die, welche in
der Welt sich am mehrsten bemerken, gefürchtet, welche Epoche machen, am
kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen; cholerisch-sanguinisch
ist also der wahre Herrscher, der Despotencharakter; aber noch ein Grad
von melancholischem Zusatze, und der Tyrann ist gebildet.
Sanguinisch-Phlegmatische leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten
und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte, kränken
niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser Charakter im
höchsten
Grade artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus.
Cholerisch-Melancholische
richten viel Unheil an; Blutdurst, Rache, Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen
und Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemütsart.
Melancholisch-Sanguinische
zünden sich mehrenteils an beiden Enden zugleich an, reiben sich selber
an Leib und Seele auf.
Cholerisch-phlegmatische Menschen trifft
man selten an; es scheint ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen;
und dennoch gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und
Flut abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften,
zu welchen gesunde Vernunft und Gleichmütigkeit erfordert werden. Sie sind
nur mit äußerster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich in
die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Tiere umher, fallen mit der
Tür in das Haus und verderben alles durch rasendes Ungestüm.
Melancholisch-phlegmatische
Leute aber sind wohl unter allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu
leben, das ist für jeden vernünftigen und guten Mann Höllenpein auf Erden.
2.
Herrschsüchtige
Menschen sind schwer zu behandeln und passen nicht zum freundschaftlichen
und geselligen Umgange. Sie wollen allerorten durchaus die erste Rolle spielen;
alles soll nach ihrem Kopfe gehn. Was sie nicht errichtet haben, was
sie nicht dirigieren, das verachten sie nicht nur, nein, sie zerstören es,
wenn sie können. Wo sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens
glauben macht, daß sie an der Spitze stünden, da arbeiten sie mit unermüdetem
Eifer und stürzen alles vor sich weg, was ihrem Zwecke im Wege steht. Zwei
herrschsüchtige Leute nebeneinander taugen zu gar nichts in der Welt und
zertrümmern alles um sich her aus
Privatleidenschaft. Hieraus nun ist
leicht abzunehmen, wie man sich gegen solche Leute zu betragen habe, wenn
man mit ihnen leben muß, und ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.
3.
Ehrgeizige
Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt werden.Der Herrschsüchtige
ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig,
sondern begnügt sich auch wohl mit einer Nebenrolle, insofern er darin nur
mit einigem Glänze zu erscheinen hoffen darf; ja es können Falle vorkommen,
wo er selbst in der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger,
als wenn man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.
4.
Der Eitle
will geschmeichelt sein; Lob kitzelt ihn unaussprechlich, und wenn man ihm
Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewunderung widmet, so braucht nicht eben große
Ehrenbezeigung damit verbunden zu sein. Da nun jederMensch mehr oder weniger
von dieser Begierde zu gefallen und vorteilhafte Eindrücke zu machen, an
sich hat, so kann man ohne Sünde hie und da einem sonst guten Manne, dem
diese kleine Schwachheit anklebt, in diesen Punkten ein wenig nachsehn,
ein Wörtchen, so er gern hört, gegen ihn fallen lassen, ihm erlauben, an
dem Lobe, so er einerntet, sich zu erquicken oder sich selbst nach Gelegenheit
ein wenig zu loben. Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen
Schmeichler, die durch unaufhörliches Weihrauchstreuen eiteln Leuten den
Kopf so einnehmen, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen als
Lob, daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind und daß
sie jeden guten, graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so
weit erniedrigen kann oder es für eine Art von Unbescheidenheit und Grobheit
hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten ins Gesicht zu werfen. Gelehrte und
Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu sein, und ich habe deren einige
gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann deswegen fast gar nicht umgehn
konnte.Wie die Kinder dem Fremden nach den Taschen schielen, um zu erfahren,ob
man ihnen keine Zuckerpletzen mitgebracht hat, so horchen jene aufjedes
Wort, das Du sprichst, um zu vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches
für sie enthalt, und werden mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung
betrogen finden. Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus,
der zu aller gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig
macht, und dem Eiteln ebensosehr zur Last, als dem zum Ekel wird, der mit
ihm leben muß.Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll,
so hat doch auch nicht jeder Beruf, sie zu bessern, zum Pädagogen an ihnen
zu werden, besonders nicht an solchen Menschen, die mit ihm in gar keiner
Verbindung stehen, ihnen auf ungeschliffene Art den Text lesen, sie zu demütigen
oder weniger Höflichkeit und Gefälligkeit gegen sie zu üben, als man jedem
andern widmen würde, und es ist unbillig, wenn diejenigen, welche täglich
mit ihnen leben müssen, dies von uns verlangen, wenn sie fordern, daß wir
mit Hand anlegen sollen, ihre verzogenen Freunde umzubilden. Eitle Leute
pflegen gern andre zu schmeicheln, um dagegen wieder mit Weihrauch eingeräuchert
zu werden und weil sie das für das einzige würdige Opfer, für die einzige
vollwichtige Münze halten.
5.
Von Herrschsucht, Ehrgeiz und
Eitelkeit ist Hochmut sowie von Stolz unterschieden. Ich möchte gern, daß
man Stolz als eine edle Eigenschaft der Seele ansähe; als ein Bewußtsein
wahrer innrer Erhabenheit und Würde; als ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig
zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Taten; er ist die Stütze
des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt über Schicksal
und schlechte Menschen und erzwingt selbst von dem mächtigen Bösewicht den
Tribut der Bewundrung, den er wider Willen dem unterdrückten Weisen zollen
muß.
Hochmut hingegen brüstet sich mit Vorzügen, die er nicht hat, bildet
sich auf Dinge etwas ein, die gar keinen Wert haben. Hochmut ist es, der
den Pinsel von sechzehn Ahnen aufbläht, daß er die Verdienste seiner Vorfahren, die
oft nicht einmal seine echten Vorfahren sind und oft nicht einmal Verdienste
gehabt haben - daß er diese sich anrechnet, als wenn Tugenden zu dem Inventar
eines alten Schlosses gehörten. Hochmut ist es, der den reichen Bürger so
grob, so steif, so ungesellig macht. Und wahrlich, dieser pöbelhafte Hochmut
ist, da er mehrenteils von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren
begleitet wird, womöglich noch empörender als der des Adels. Hochmut ist
es, der den Künstler mit so viel Zuversicht zu Talenten erfüllt, die, sollten
sie auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in Gedanken über alle
Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn niemand ihn bewundert, eher auf die
Geschmacklosigkeit der ganzen Welt schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken
geraten, daß es wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig aussehn müsse.
Wenn dieser Hochmut nun gar in einem armen, verachteten Subjekte wohnt,
dann wird er ein Gegenstand des Mitleidens und pflegt eben nicht viel Unheil
anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit gepaart,
also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern und keiner bescheidenen
Behandlung wert. Hier hilft nichts, als Übermut gegen Übermut zu setzen,
oder zu scheinen, als bemerkte man ein hochmütiges Betragen gar nicht; oder
Leute, die sich aufblasen, gar keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehn,
als wie man auf einen leeren Platz hinblicke, selbst wenn man ihrer bedarf;
denn wahrhaftig! - ich habe das oft erfahren - je mehr man nachgibt, desto
mehr fordern, desto übermütiger werden sie, bezahlt man sie aber mit gleicher
Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, wie sie das Ding nehmen soll, und spannt
gewöhnlich andre Saiten auf.
6.
Mit
sehr empfindlichen, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht angenehm
umzugehn. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedene Quellen haben.
Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem wir leben müssen und
der leicht durch ein kleines unschuldiges Wörtchen oder durch eine zweideutige
Miene oder durch einen Mangel an Aufmerksamkeit gekränkt und vor den Kopf
gestoßen wird, ob dieser Mann, sage ich, aus Eitelkeit, wie es mehrenteils
der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft von bösen Menschen hintergangen
und geneckt worden, oder endlich deswegen so leicht zu beleidigen ist, weil
sein Herz zu zärtlich fühlt, weil er von andern ebensoviel verlangt, als
er ihnen selbst gibt, so muß man sein Betragen darnach einrichten, und jeden
Anstoß von der Art zu vermeiden suchen; doch pflegt das schwer zu sein.
Ist er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht
lange dauern; er wird durch eine grade, freundliche Erklärung bald zu besänftigen
sein; er wird nach und nach seinen besten Freunden trauen lernen und vielleicht
zuletzt, wenn man immer edel und offen mit ihm verfährt, von seiner
Schwachheit zurückkommen.
Von diesen allen sind in der Tat diejenigen
am schwersten zu befriedigen und der Gesellschaft am lästigsten, die sich
jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt glauben:
Man hüte sich also, in diesen Fehler zu verfallen, wodurch man sich selber
quält und andern peinliche Mühe macht.
7.
Eigensinnige Menschen
sind viel schwerer zu behandeln als sehr empfindliche. Noch ist mit ihnen
auszukommen, wenn sie übrigens verständig sind. Sie pflegen dann, insofern
man ihnen nur in dem ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selbst
der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer
Behandlung zu fühlen und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger zu
werden; ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von Dummheit
anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe noch Schonung.
Es ist da mehrenteils nichts weiter zu tun, als einen solchen steifsinnigen
Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber so in seine eigenen Ideen,
Pläne und Unternehmungen zu verwickeln, daß er, wenn er durch übereilte,
unkluge Schritte in Verlegenheit gerät, sich selbst nach unsrer Hilfe sehnen
muß. Dann läßt man ihn eine Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demütig
und folgsam wird und das Bedürfnis geleitet zu werden fühlt. Hat aber ein
schwacher, eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns recht
gehabt oder uns über einen kleinen Fehler erwischt, dann tue man nur Verzicht
darauf, ihn je wieder zu leiten. Er wird uns immer zu übersehn glauben,
unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das ist eine höchst
verdrießliche Lage. Bei beiden Gattungen von Leuten aber helfen in dem ersten
Augenblicke keine weitläufigen Vorstellungen, indem sie dadurch nur noch
mehr verhärtet werden. Hängen wir von ihnen ab, und sie geben uns Aufträge,
wovon wir wissen, daß sie die selben nachher selbst mißbilligen werden,
so kann man nichts Klügeres tun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprochen,
aber entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indes
eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eigenen Einsichten
einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken zu billigen
pflegen, insofern man nur etwa tut, als habe man ihren Befehl also verstanden,
sich aber ja nie seiner größern, kaltblütigen Einsicht rühmt. Nur in sehr
wenig eiligen oder sonst höchst wichtigen Fällen kann es nützlich und nötig
sein, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen und schlechterdings nicht nachzugeben.
Doch geht alle Wirkung dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft und bei
unbedeutenden Gelegenheiten oder gar da anwendet, wo man unrecht hat. Wer
immer zankt, der hat die Vermutung gegen sich, immer unrecht zu haben; es
ist also weise gehandelt, dein ändern in diesen Fall zu setzen.
Über den Umgang mit sich selbst
1.
Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und
ersten, und also der Umgang mit unsrer eigenen Person gewiß weder der unnützeste
noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihn, wenn man sich immer
unter andern Menschen umhertreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigene
Gesellschaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehn scheint,
sein eigenes Ich nicht kultiviert und sich doch stets um fremde Händel bekümmert.
Wer täglich herumrennt, wird fremd in seinem eigenen Hause; wer immer in
Zerstreuung lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge müßiger
Leute seine innere Langeweile zu töten trachten, büßt das Zutrauen zu sich
selber ein und ist verlegen, wenn er sich einmal vis ä vis de soi-meme befindet.
Wer nur solche Zirkel sucht, in welchen er geschmeichelt wird, verliert
so sehr den Geschmack an der Stimme der Wahrheit, daß er diese Stimme zuletzt
nicht einmal mehr aus sich selber hören mag; er rennt dann lieber, wenn
das Gewissen ihm dennoch unangenehme Dinge sagt, fort, in das Getümmel hinein,
wo diese wohltätige Stimme überschrien wird.
2.
Hüte
Dich also, Deinen treuesten Freund, Dich selber, so zu vernachlässigen,
daß dieser treue Freund Dir den Rücken kehre, wenn Du seiner am nötigsten
bedarfst. Ach, es kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen
darfst, wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang
mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist - was wird aber in solchen Augenblicken
aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in Frieden lebst,
und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hilfe Dir versagt wird?
3.
Willst
Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt Du ebenso
vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn als mit ändern,
also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest,
noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei verderbest.
4.
Sorge
für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle beide
nicht. Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein Gut, welches
oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal zu erheben und ohne
welches alle Schätze der Erde eitle Bettelware sind. Wer aber jedes Lüftchen
furchtet und jede Anstrengung und Übung seiner Glieder scheut, der lebt
ein ängstliches, nervenloses Austerleben und versucht es vergeblich, die
verrosteten Federn in den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kommt, seiner
natürlichen Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüt ohne Unterlaß dem Sturme
der Leidenschaften preisgibt oder die Segel seines Geistes unaufhörlich
spannt, der rennt auf den Strand oder muß mit abgenutztem Fahrzeuge nach
Hause lavieren, wenn grade die beste Jahreszeit zu neuen Entdeckungen eintritt.
Wer aber die Fakultäten seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern
läßt oder vor jedem kleinen Kampfe, vor jeder Art von minder angenehmer
Anstrengung zurückbebt, der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist
auch ohne Rettung verloren da, wo es auf Kraft, Mut und Entschlossenheit
ankommt. Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele. Laß
Dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder körperlichen
Unbehaglichkeit. Fasse Mut! Sei getrost! Alles in der Welt geht vorüber;
alles läßt sich überwinden durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen,
wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen ändern Gegenstand heftet.
5.
Respektiere
Dich selbst, wenn Du willst, daß andre Dich respektieren sollen. Tue nichts
im Verborgenen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein Fremder sähe.
Handle weniger ändern zu gefallen, als um Deine eigene Achtung nicht zu
verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem Äußern, in Deiner Kleidung
sieh Dir nicht nach, wenn Du allein bist. Gehe nicht schmutzig, nicht lumpig,
nicht unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich
niemand beobachtet. Mißkenne Deinen eigenen Wert nicht! Verliere nie die
Zuversicht zu Dir selber, das Bewußtsein Deiner Menschenwürde, das Gefühl,
wenn nicht ebenso weise und geschickt als manche andre zu sein, doch weder
an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand nachzustehn.
6.
Verzweifle
nicht, werde nicht mißmutig, wenn Du nicht die moralische oder intellektuelle
Höhe erreichen kannst, auf welcher ein andrer steht, und sei nicht so unbillig,
andre gute Seiten an Dir zu übersehn, die Du vielleicht vor jenem voraus
haben magst - und wäre das auch nicht der Fall! Müssen wir denn alle groß
sein? Stimme Dich auch herab von der Begierde zu herrschen, eine glänzende
Hauptrolle zu spielen. Ach, wüßtest Du, wie teuer man das oft erkaufen muß!
Ich begreife es wohl, diese Sucht, ein großer Mann zu sein, ist bei dem
innern Gefühle von Kraft und wahrem Werte schwer abzulegen. Wenn man so
unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt und sieht, wie wenig diese erkennen
und schätzen, was in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die elendesten
Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunterblicken
- Ja! es ist wohl freilich hart! - Du versuchst es in allen Fächern; im
Staate geht es nicht; Du willst in Deinem Hause groß sein, aber es fehlt
Dir an Geld, an dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von hauslichen
Sorgen niedergedruckt, und so geht denn alles den Werkeltagsgang; Du empfindest
tief, wie so alles in Dir zugrunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht entschließen,
ein gemeiner Kerl zu werden, in dem Fuhrmannsgleise fortzuziehn - das alles
fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Mut, den Glauben
an Dich selber und an die Vorsehung! Gott bewahre Dich vor diesem vernichtenden
Unglücke! Es gibt eine Größe - und wer die erreichen kann, der steht hoch
über allen -, diese Größe ist unabhängig von Menschen, Schicksalen und äußerer
Schätzung. Sie beruht auf innerem Bewußtsein, und ihr Gefühl verstärkt sich,
je weniger sie erkannt wird.
7.
Sei Dir selber ein angenehmer
Gesellschafter. Mache Dir keine Langeweile, das heißt: Sei nie ganz müßig!
Lerne Dich selbst nicht zu sehr auswendig, sondern sammle aus Büchern und
Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen
man wird, wenn man sich immer in dem Zirkel seiner eigenen Lieblingsbegriffe
herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der
Stirne trägt. Der langweiligste Gesellschafter für sich selber ist man ohne
Zweifel dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachteiliger
Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe acht auf die
Verschiedenheit seiner Launen! Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie sehr
sich selbst zur Last, ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar
schädlich hingebrachter Stunden, und wie heiter, sich selbst mit seinen
Gedanken unterhaltend dagegen am Abend eines nützlich verlebten Tags.
8.
Es
ist aber nicht genug, daß Du Dir ein lieber, angenehmer und unterhaltender
Gesellschafter seiest, Du sollst Dich auch, fern von Schmeichelei, als Dein
eigener treuester und aufrichtigster Freund zeigen, und wenn Du ebensoviel
Gefälligkeit gegen Deine Person als gegen Fremde haben willst, so ist es
auch Pflicht, ebenso strenge gegen Dich als gegen andre zu sein. Gewöhnlich
erlaubt man sich alles, verzeiht sich alles und ändern nichts; gibt bei
eigenen Fehltritten, wenn man sich auch dafür anerkennt, dem Schicksale
oder unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger tolerant gegen
die Verirrungen seiner Brüder - das ist nicht gut getan.
9.
Miß
auch nicht Dein Verdienst darnach ab, daß Du sagest: »Ich bin besser als
dieser und jener von gleichem Alter, Stande«, und so ferner; sondern nach
den Graden Deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung und der Gelegenheit, die
Du gehabt hast, weiser und besser zu werden als viele. Halte hierüber oft
in einsamen Stunden Abrechnung mit Dir selber und frage Dich als ein strenger
Richter, wie Du alle diese Winke zu höherer Vervollkommnung genutzt habest
Information:
Dieter Winkler
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