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Görlitzer Sagen
Die Wundererle
Vorwort
Am Südwesthang
der Kampferberge in Richtung auf den Dittmannsdorfer Forst steht dicht am Wege
die so genannte „Wundererle", ein eigenartiges Naturdenkmal der Baumwelt.
Bei diesem etwa 16 Meter hohen Baum handelt es sich um eine Abart der
gewöhnlichen Schwarzerle, die tief geschlitzte Blätter trägt. Die Stellung der
Äste und die Form der Blätter weichen von der normalen Erle beträchtlich ab.
Viele Äste zeigen eine merkwürdige Knorrenbildung, sodass man beinahe glauben
könnte, es seien die Wurzeln eines verkehrt in die Erde gepflanzten Baumes.
Diese Erle ist der einzige Baum in Sachsen, der so gewachsen ist.
Der Umstand, dass also weit und breit kein ähnlicher Baum anzutreffen ist, und die
sonderbare Eigenschaft, dass er sich trotz aller Versuche nicht vermehren lässt,
lenkten frühzeitig das Augenmerk der Heimatforscher auf ihn. So berichtete schon
1785 der bekannte Naturwissenschaftler Nathanael Gottfried I.eske in seinem
Buch „Reise durch Sachsen" unter
Beigabe eines Bildes von dieser Erlenabnormität. Aber nicht nur Forscher
beschäftigten sich mit diesem Baum und machten ihn dadurch weithin bekannt, auch
eine Sage verhalf ihm, eine Berühmtheit zu werden.
Die
Sage
Einst war ein junger Mann aus der Umgebung von Mengelsdorf zum
Tode verurteilt worden. Er sollte einen Mord begangen haben. Alle Indizien sprachen gegen ihn, obwohl der Angeklagte trotz scharfer Folter immer wieder verzweifelt seine Unschuld
beteuerte. Aber die Richter schenkten ihm
kein Gehör, sondern stützten sich auf die
falschen Aussagen seines äußerst habgierigen Nachbarn. Dieser wollte nämlich
billig zu Haus
und Hof des Angeklagten
kommen.
So wurde nun von den Gerichtsbütteln in der
Nahe der Stelle des Kampferberges,
wo der Mord passierte, ein Schafott errichtet,
und dort sollte
der junge Mann enthauptet
werden. Kurz vor seiner Hinrichtung erbat sich der Verurteilte
vom Hohen Gericht noch einen letzten Wunsch, der den zum
Tode verurteilten
Personen nach damaliger Sitte, außer der Abänderung
ihres Urteils, auch meist gewährt wurde. Dieser
Mann bat um nichts
anderes, als noch einen jungen Baum an die Stelle pflanzen
zu dürfen, an der der Mord ausgeführt sein
sollte.
In der Nähe
des Hinrichtungsplatzes standen aber nur Erlen.
Im Beisein
des Gerichtes
und des Henkers mit seinen Knechten
hob der Unglückliche eine kleine Grube aus und
pflanzte die ihm zur Verfügung gestellte Erle
verkehrt in die Erde, wobei er mit feierlicher Stimme
laut verkündete: "Schlagen die
Wurzeln nicht aus, so will ich mich schuldig bekennen; fangen sie aber an zu sprießen und wachsen sie
zu einem Baum heran, so soll ein jeder
erkennen, dass Ihr einen Unschuldigen zum Tode
verurteilt habt.“
Nach diesen Worten stieg er ohne weitere
Widerrede auf das Schafott, legte sein Haupt
auf den Klotz und der Henker waltete
nun seines Amtes.
Und was geschah mit
dem verkehrt eingepflanzten
Bäumchen? Das Bäumchen
trieb aus den Wurzeln Blätter und Äste heraus
und wuchs zum Baume heran, so wie er heute noch zusehen ist.
So kam die Wahrheit des
unschuldig zum Tode
verurteilten jungen
Mannes ans Tageslicht. Der habgierige Nachbar
wurde seit jener Zeit von allen gemieden.
Sein durch Lügen ergaunerter Besitz brachte
ihm kein Glück. Der Bauernhof brannte bei
einem schweren Unwetter durch Blitzschlag völlig ab. Von den herabstürzenden
Dachbalken wurde der Geizhals erschlagen.
Seine Seele fand aber selbst im Grabe keine Ruhe. Als Spukgestalt
zieht es
ihn in dunkler Nacht immer wieder zur „Wundererle"
Manche Wanderer wollen dort aber auch schon Irrlichter
oder eine weiße Gestalt gesehen
haben.
Autor:
Steffi Meisel
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