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Görlitzer Sagen
Ein Reisender
im
mittelalterlichen Görlitz
Über die Landstraßen quälen sich die Pferdewagen. Nun
tauchten im Westen Turmspitzen auf. Der junge Kaufmann Niklas schaute
erwartungsvoll über die 4 Köpfe der Pferde und den Kutscher: jetzt sah man
Türme und Kirchen, Dächer und Mauern von Görlitz. Sie kamen immer näher. Gute
Geschäfte konnte Niklas in Polen machen. Er lebte in Thüringen.
Der Pferdewagen holperte am Neißespital vorbei unter dem
Holzdach der Neißebrücke hindurch, bis sie am Neißetor angelangt waren. Die
Peter-Pauls-Kirche ragte zur rechten Hand auf dem alten Burgberg hervor, und zu
ihren Füßen sah man die Fachwerkhäuser der Hothergasse. Die Frauen sah man
gebeugt über dem Fluss, sie wuschen ihr Leinenzeug. Weit über das Wasser ragten
Holzplattformen auf Pfählen hinaus. Schmal und finster war die Toreinfahrt vor
dem Neißeturm. Die Kutscher fluchten. Einige Stadtknechte griffen in die
Speichen, damit sie nicht so lange warten mussten. Es wurden einige Säcke und
Ballen abgeladen, um die Last zu verringern und damit sie schneller voran
kamen. Hinten stand ein neuer Kaufmannszug, der zügig durch wollte. Kaufmann
Niklas stieg aus, er hatte sich seinen pelzverbrämten Kurzmantel übergezogen
und sein Barett aufgesetzt. Nun ging er ein paar Schritte voraus.
An der schmalen Neißgasse standen die schmalen Fachwerkgiebel dicht
beieinander. Der Boden war schmuddelig. In der Mitte vermengten sich fauliges
Stroh und Pferdeäpfel mit Rinnsal. Kratzend rannten Hühner darin umher. Eine
Frau kippte einen Holzzuber vor ihrem Haus aus. Mühsam stemmten sich die Pferde
gegen die Steigung. Die Räder verfingen sich im Gassenschmutz. Niklas dachte: “Es
wird Zeit, dass der König die Stadt mal wieder besucht. Ohne den Besuch des
Königs werden die Gassen nicht so bald sauber sein.“
Nun kamen sie auf dem Untermarkt am Rathaus vorbei. Fast leer waren heute die Laubengänge.
Nun war der Markttag vorüber. Die Haushallen wurden gesäubert, damit abends
beim Bierausschank alles sauber war. Die Wasserlachen versickerten vor den
Eingängen. Die übliche Abgabe an die Stadt zog sich an der Waage hin. Die
Kutscher wurden inzwischen ausgequetscht, ob es in der Welt etwas Neues gäbe.
Ob sie –wie zu hören war- schon große Schiffe gesehen hätten, mit denen man
weit aufs Wasser hinaus fahren kann. In der Mönchkirche war gesagt, dass die
Pest und Missgeburten von der Hexe kämen. Daher wurden sie gefragt, ob sie
schon einmal eine echte Hexe brennen gesehen haben. Aber die Kutscher waren
nicht so richtig gesprächig. Das Einzige, was sie sagten, war, dass sie wissen,
wo das Bier am besten schmecke. Die Franziskanermönche wussten auch darüber gut
Bescheid und lachten. Nach einiger Zeit fuhren die Wagen endlich am Rathaus
vorbei in die Brüdergasse.
Niklas blickte an dem
schlanken Turm der Klosterkirche hoch und geradeaus sah er schon den
Reichenbacher Turm. Nach der Brüdergasse kamen sie nun auf den Neumarkt. Die
rastenden Kaufmannszüge versperrten den Weg. Als sie an dem Salzhaus ankamen,
fanden sie noch eine kleine Lücke für den Wagen. Sie gaben ihren Pferden Hafer
und vertraten sich die Beine. Einer ging zur Fleischergasse und schaute, ob es
etwas Frisches und Saftiges gab.
Den Marktplatz umgaben spitzgieblige Häuser. Hier waren sie
reicher verziert als auf dem Untermarkt. Ein Becher machte unter den Kutschern
die Runde. Es wurde viel erzählt – sie hörten gerne Geschichten.
Ein Mann erinnerte sich noch an seine Jugend, als dort noch
auf dem Platz der Prediger Capistrano
gegen Wohlleben und Verschwendungssucht der Reichen sprach. Sie erfuhren von
den Schnapphahnen (Streifzüge, die sie machten) auf der Landstraße. Jetzt wurde
auch noch eine starke Bastei vor dem Reichenbacher Tor erbaut. Die Bauern
mussten ab sofort ihre größten Feldsteine heran bringen. Nun war der Kaiser
zufrieden mit der Waffenhilfe. Doch die Ratsherren nahmen ihm immer mehr
Vorrechte ab. Ein paar Sprüche über den Rat machten in den Gassen die Runde. Niklas
lief nun die Steingasse entlang. Anschließend schaute er kurz in die
Nonnengasse rein, bevor er am Frauentor angelangt war. Dort wurde das Schloss
abgetragen. Es gab viele Baulücken hinter der Stadtmauer, aber auch halbfertige
Häuser. Niklas interessiert sich für das Görlitzer Wappen.
Inzwischen hatten sich die Fuhrleute Brot und etwas für die Wegfahrt besorgt.
Nach einer Viertelstunde passiert Niklas das Budissiner Tor. Die Arbeit an der
gewaltigen Bastei war bald geschafft. Niklas hatte trotz seiner Jugend schon
viele Städte zwischen der Ostsee und Italien kennen gelernt.
In Görlitz aber
gab es immer etwas Neues. Hier wussten sie, wie sie arbeiten und leben wollten.
Autor:
Sabrina Lewinski
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