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Geografie
Gewässer
- Der Golfstrom
Der
Golfstrom
von Florida bis zum Neufundlandbecken
Der Golfstrom ist ein warmer
Meeresstrom vor der Atlantikküste Nordamerikas. Seinen Namen erhielt er zu
einer Zeit, als man seinen Ursprung im Golf von Mexiko vermutete. Doch
tatsächlich ist er Teil eines Systems von Meeresströmungen, die den gesamten Atlantik
durchziehen und im äußersten Süden über den Antarktischen Zirkumpolarstrom
sogar mit den benachbarten Ozeanen in Beziehung stehen.
Die Geschichte der Erforschung des Golfstroms, von dem der spanische Seefahrer
Jüan Ponce de Leon zu Beginn des 16. Jahrhunderts erstmals berichtet hat,
begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor der nordamerikanischen Ostküste.
Um die Strömung zu verfolgen, werden Bojen eingesetzt, die in unterschiedlicher
Wassertiefe mit dem Strom treiben. Eine ganz wesentliche Hilfe sind heute
Warmemessungen von Satelliten aus. Auch sehr präzise Höhenmessungen der
Wasseroberfläche sind ein Mittel zur Erforschung des Golfstroms, denn je
schneller er fließt, desto stärker ist er aufgewölbt. In der Mitte der Strömung
kann die Aufwölbung einen Meter betragen.
Als Golfstrom im eigentlichen Sinne bezeichnet man heute die zunächst nach
Nordosten, dann nach Osten gerichtete Meeresströmung von der Nordostküste
Floridas bis südöstlich von Neufundland. Sie geht hervor aus dem Zusammenfluss
zweier Meeresströmungen, nämlich dem sehr kräftig strömenden Floridastrom und
dem schwächeren Antillenstrom. Da beide Strömungen aus warmen Regionen kommen,
weist das mitgeführte Wasser die für die Tropen typischen Temperaturen auf. Auf
dem Weg nach Norden verringert sich die Temperatur nur wenig, da warmes Wasser
meist an der Oberfläche bleibt und sich kaum mit dem kälteren Wasser der
Umgebung vermischt.
Im Süden verläuft der Golfstrom parallel zur Atlantikküste der USA. Jenseits
von Kap Hatteras, ungefähr 35° nördlicher Breite gelegen, weicht jedoch die
Küste zurück, während der Golfstrom seinen Nordostkurs zunächst beibehält und
schließlich nach Osten schwenkt. Auf der Breite von New York ist der Golfstrom
bereits 1500 km von der Küste entfernt. Auf die Temperaturverhältnisse des
amerikanischen Nordostens hat der Golfstrom deshalb keinen Einfluss mehr.
Der mächtigste Strom der Erde
Die höchsten
Strömungsgeschwindigkeiten erreicht der Golfstrom nicht an der Oberfläche, sondern
in Tiefen von 50 bis 150 m. Mit über 100 km je Tag hat die Strömung in der
Straße von Florida ihre höchste Geschwindigkeit. Die hier transportierte
Wassermenge ist gewaltig und liegt bei 30 Millionen m3 je Sekunde. Das ist fast
14 OOOmal mehr, als der Rhein in die Nordsee fließen lässt, Weiter im Norden,
auf 40° nördlicher Breite, werden sogar über 100 Millionen m3 Wasser je Sekunde
transportiert.
Die Tiefe, bis zu der die Strömung nachgewiesen werden kann, ist in den
einzelnen Abschnitten des Golfstromsystems unterschiedlich und kann zwischen
100 und 1000 m liegen. Schon in einigen hundert Metern Tiefe ist manchmal eine
entgegen gerichtete Strömung festzustellen. Südöstlich von Neufundland stößt
von Norden der kalte Labradorstrom auf den Golfstrom. Beim Zusammentreffen
entsteht durch die Abkühlung der feuchten Luft sehr häufig Nebel. Für die
Schifffahrt ist diese Region besonders gefährlich, weil der Labradorstrom nicht
selten auch Eisberge weit nach Süden treiben lässt. Seit dem Untergang derTitanic,
die 1912 im Nebel mit einem Eisberg zusammenstieß, wird diese Region durch den
damals begründeten Eisbergwarndienst besonders beobachtet.
Nach dem Zusammentreffen mit dem Labradorstrom lässt sich der Golfstrom nicht
mehr durchgehend verfolgen. Ein Teil des Wassers strömt nach Osten und
schließlich nach Süden und mündet vor der nordwestafrikanischen Küste in den
Kanarenstrom ein. Die nach Nordosten gerichtete Strömung ist der
Nordatlantische Strom. Von ihm zweigt wiederum der Irmingerstrom ab, der die Südküste
Islands erreicht. Vor der Westküste Irlands teilt sich auch der Nordatlantische
Strom auf. Ein Teil strömt südlich an den Britischen Inseln vorbei durch den
Ärmelkanal in die Nordsee. Ein andere Ast umgeht die Britischen Inseln im
Norden und führt an Schottland vorbei nach Norwegen. Dieser Norwegische Strom
macht sich bis über das Nordkap hinaus noch in der Barentssee und im Eismeer
bemerkbar.
Alle diese Meeresströmungen des Nordostatlantiks sind allerdings weitaus
schwächer als der eigentliche Golfstrom. Sie wurden früher dem Golfstrom
zugerechnet. Heute geht man davon aus, dass der größere Teil des
Golfstromwassers in der Mitte des Atlantiks, vor allem in der Grönlandsee, in
Folge starker Abkühlung absinkt und als Tiefenströmung äquatorwärts wandert. In
einem anschaulichen Vergleich spricht man von der Nordatlantischen Pumpe, die
das Wasser nach unten abführt und neues Wasser aus Südwesten nachströmen lässt.
Manche Forscher sehen in diesem Vorgang einen ganz wesentlichen Antrieb für den
Golfstrom. Das Absinken ist darauf zurückzuführen, dass das Wasser des
Golfstroms schwerer wird. Die Zunahme des spezifischen Gewichts hat seine
Ursache in der Abkühlung infolge der Wärmeabgabe an die. Luft, Verdunstung und
Mischung mit dem Wasser des kalten Labradorstromes. Ein weiterer Grund, dem man
heute in der Forschung besondere Beachtung schenkt, ist das Ansteigen des
Salzgehaltes, das mit der Abkühlung zusammenhängt. Das Meer südlich von
Grönland gehört zu den salzhaltigsten Regionen der hohen See. Weil für das
Absinken sowohl die Temperatur als auch der Salzgehalt eine Rolle spielt,
spricht man von thermohaliner Zirkulation (von griech. thermos = warm, hals =
Salz).
Golfstrom und Klima
Auch wenn der Golfstrom nach heutigen Vorstellungen die europäische Küste
selbst nicht erreicht, so hat er doch einen ganz gewichtigen Einfluss auf das
Klima Europas. Der Golfstrom ist ein außerordentlich wirksamer
Temperaturregulator. Er lässt gewaltige Mengen warmen Wassers von Florida bis
weit nach Norden strömen und trägt damit ganz wesentlich zum
Temperaturausgleich zwischen den heißen und den kalten Regionen der Erde bei.
Im mittleren Nordatlantik bewirkt die Wärmezufuhr, dass das Oberflächenwasser
um rund 6 Grad wärmer ist, als für Meeresgebiete dieser Breitenlage zu erwarten
ist. Der Warmetransport durch das Golfstromsystem hat weit reichende Folgen
nicht nur für das Meer und das Leben in ihm, sondern auch für die Atmosphäre.
Die Wärme des Wassers überträgt sich nämlich auf die Luft, so dass auch hier ein
Wärmeüberschuss festzustellen ist. Er ist besonders stark im Winter.
Allerdings ist der unmittelbare Übergang der Wärme vom Wasser an die Luft
allein nicht allzu wirksam. Entscheidend ist vielmehr, dass die Erwärmung der
Luft von unten für eine Labilisierung der Luftschichten sorgt. Damit ist
gemeint, dass innerhalb der unteren Atmosphäre die Neigung zur vertikalen
Durchmischung zunimmt, da die warme Luft aufsteigt. Dies wiederum begünstigt
die Entstehung von Tiefdruckgebieten. Sie entstehen vor allem dort, wo das
warme Wasser des Golfstroms auf das kalte Wasser des Labradorstroms stößt, also
vor der Küste Neufundlands. Hier bilden sich scharfe Luftmassengrenzen aus, die
die Wirbelbildung begünstigen. Auch die hohe Luftfeuchtigkeit, die durch die
Verdunstung von der relativ warmen Wasseroberfläche hervorgerufen wird, hat
Einfluss auf das Geschehen in der Atmosphäre. Er ist die Voraussetzung für die
Wolkenbildung, bei der große Mengen an Wärme in der Atmosphäre freigesetzt
werden. Der Wasserdampf ist gewissermaßen ein Transportmittel für die Energie,
die beim Verdunsten dem Wasser entzogen wird und bei der Wolkenbildung den
höheren Luftschichten zugeführt wird. Dieser Vorgang trägt dazu bei, dass die
Tiefs über dem Atlantik besonders kräftig sind und sich lange halten. Die Tiefs
sind vom Klima her gesehen das wichtigste und weit reichendste
"Ergebnis" des Golfstroms. Da sie in der Westwindzone entstehen,
treiben sie auf Europa zu. Bei ihrer Wanderung nach Osten machen sie nicht an
der Küste halt, sondern sorgen auch auf dem Festland für reichlich
Niederschlag, insbesondere dort, wo Gebirge die Luft zu weiterem Aufsteigen
veranlasst.
Deswegen gehören küstennahe Gebirgsregionen, wie z.B. Südnorwegen und
Schottland, zu den regenreichsten Gebieten Europas.
Doch wenn die Regen bringenden Tiefs auch manchem Urlauber sehr ungelegen
kommen, so ist ihre Wirkung doch von Vorteil. Sie bringen nämlich außer
Niederschlag auch relativ warme Atlantikluft mit sich. Nicht nur Skandinavien,
sondern der gesamte Nordwesten Europas profitiert davon, und selbst in
Osteuropa lassen sich noch Auswirkungen der atlantischen Tiefs und damit des
Golfstroms feststellen.
Die Ausläufer des
Golfstroms
Auch wenn der größere Teil des Golfstromwassers in der Mitte des Atlantiks abtaucht,
so gelangt ein Teil doch auch weiter nach Osten. Allerdings strömt hier das
Wasser nicht als ein mächtiger Strom durch den Atlantik, sondern in Form vieler
Schlingen und Wirbel, die sich nicht selten entgegen der allgemeinen Richtung
bewegen. Einzelne Wirbel von oft über 100 km im Durchmesser können sich sogar
ganz aus dem Strom lösen. Zusammenfassend nennt man diese weit aufgefächerten
Strömungen Nordatlantikdrift. Die Strömungsgeschwindigkeiten der
Nordatlantikdrift sind jedoch weitaus geringer als die des eigentlichen
Golfstroms. Doch immerhin gelangt auf verschlungenen Wegen doch noch ein Teil
der Wärme bis nach Europa. Die atlantischen Wasserströme, die ins Europäische
Nordmeer gelangen, haben im Durchschnitt eine Temperatur von 8,9 °C. Selbst in
den kaltesten Monaten Februar und März hat das Wasser hier noch eine Temperatur
von durchschnittlich 6,4 °C. Ware der Atlantik so kalt, wie es seiner
Breitenlage entspricht, bestünden in Deutschland subpolare Verhältnisse, wie
sie auf gleicher Breite in Kanada oder in Sibirien anzutreffen sind. Die Hafen
an der norwegischen Küste wären im Winter durch Treibeis blockiert. So aber
kann ganzjährig Schifffahrt nicht nur hier, sondern auch noch im Eismeer bis
hin zum russischen Hafen Murmansk betrieben werden. Nirgendwo an der
norwegischen Küste sinkt die Wassertemperatur im Winter unter 5 °C.
Besonders ausgeprägt ist der Wärmegewinn durch das Meer an der Südküste
Islands. Auf der vorgelagerten Inselgruppe Vestmannaeyjar sind die Mittelwerte
der Lufttemperatur im Winter sogar höher als in Mailand. Der Einfluss des
Meeres ist hier besonders stark, weil die Oberflächentemperatur des Wassers,
das der Irmingerstrom bis nach Island führt, fast 6 Grad über dem Breiten
kreismittel liegt. Man nennt eine solche Abweichung positive Wärmeanomalie. Der
Irmingerstrom beeinflusst das Klima an der Süd- und Westküste Islands und macht
sich - stark abgeschwächt - noch an der westlichen Nordküste der Insel
bemerkbar, wo er die winterliche Abkühlung um zwei Monate verzögert.
Komplizierte
Wechselwirkungen
Ebenso wie die Meeresströmungen das Klima beeinflussen, haben umgekehrt auch
die Vorgänge in der Atmosphäre Einfluss auf die Strömungen. Bei den eng
verflochtenen und weit reichenden Zusammenhängen wird nicht ausgeschlossen,
dass bei einer Klimaänderung auch der Golfstrom und die übrigen
Meeresströmungen des Nordatlantiks betroffen wären. Ein Nachlassen oder eine
Verlagerung der Strömung hätte vor allem für Nord- und Westeuropa katastrophale
Folgen. Das gesamte Leben in Mittel- und Nordwesteuropa würde sich radikal
ändern, wenn der Golfstrom an Kraft verlöre. So ist es nur allzu verständlich,
dass Wissenschaftler seit langem bemüht sind, die "Warmwasserheizung"
des Atlantiks zu ergründen. Wodurch wird das Wasser angetrieben, wodurch
gesteuert?
Heute weiß man, dass man den Golfstrom nicht isoliert betrachten darf, um hier
Antworten zu finden. Auch die Verhältnisse in der Tiefe, beispielsweise das
Vordringen kalten Tiefenwassers von der Arktis und der Antarktis, haben
Einfluss auf das Strömungssystem des Atlantiks.
Internetlinks
Golfstrom: Europas Fernwärmepumpe schwächeltBibliografie
Ralf Döscher: Die
thermohaline Zirkulation in einem numerischen Modell des nordatlantischen
Ozeans, Kiel 1994 (Diss.)
Jens Meincke: Der
Nordatlantische Strom. Revision des Bildes vom Wärmetransport im
Nordatlantik. In:
Geowissenschaften l, 1983, Heft 5, S. 168-175
Priska Schäfer (Hrsg.): The northern North Atlantic, Berlin u.a. 2001
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