

Die Erde und ihre Länder
Europa - Türkei
Hauptstadt: Ankara
Eine Besonderheit dieses Landes: Mitten durch Istanbul verläuft die Grenze Europa - Asien.
| Klima | Im Norden warmgemäßigtes Klima, im Süden und Westen Mittelmeerklima, im Inneren kontinentales Klima; |
| Sehenswürdigkeiten | Ararat; historische Stätten Catal Hüyük, Ephesos, Didyma, Pergamon, Troja, Gordion, Hattusa; Ruinenstätte Nemrut Dagi; Hagia Sophia, Blaue Moschee, Topkapi Saray in Istanbul; Moscheen in Bursa, Kayseri, Konya; Sinterterrassen von Pamukkale; Tuffsteinlandschaft von Göreme; "Türkische Riviera" |

Das durchschnittlich 900 bis 1100 m hoch gelegene, von Steppe bedeckte Hochland von Anatolien wird von einzelnen, meist vulkanischen Gebirgsstöcken (Erciyas Dagi 3916 m) überragt. Es wird im Norden, längs der Schwarzmeerküste, vom Pontischen Gebirge (3937 m), dem nur teilweise ein schmaler Tieflandssaum vorgelagert ist, begrenzt, im Süden vom Taurus (3734 m), den einige fruchtbare Küstenstriche, z.B. um Adana und Antalya, begleiten. Noch heute wird der gesamte Gebirgsrahmen häufig durch Erdbeben erschüttert. Südlich des Antitaurus geht das Land in die Syrische Wüste über. Das ostanatolische oder westarmenische Hochland, in das der abflusslose Vansee eingebettet ist, erreicht der Ararat, ein Vulkankegel, 5197 m Höhe. Den Westen bildet das buchten- und inselreiche Küstenland an der Ägäis mit Häfen, alten Städten und fruchtbarem Land. Das flache, von Mittelgebirgen (Istrancagebirge, 1031 m) gesäumte Tafelland Ostthrakien mit dem Hauptteil von Istanbul gehört bereits zu Europa.
Am dichtesten ist der europäische Teil der
Türkei besiedelt, im
asiatischen Teil nimmt die Bevölkerungsdichte nach Osten ab. Der Anteil der
städtischen Bevölkerung ist bedeutend gestiegen. Außer den
Kurden - sie sind etwa ein Fünftel der Bevölkerung, die hauptsächlich im Südosten des Landes leben
-
gibt es kleine Minderheiten von Arabern, Tscherkessen, Armenier, Georgier
und Griechen. 99% der Bevölkerung sind Muslime, etwa 1% Christen verschiedener
Bekenntnisse. Zahlreiche Arbeitnehmer aus industriearmen Gebieten der Türkei
sind zeitweise in anderen Ländern
beschäftigt, z.B. in Deutschland.
Ethnisch-religiöse Minderheiten
Als ethnisch-religiöse Minderheiten
(Minoritäten) leben heute etwa 6,5
Millionen Kurden, 365000 Araber sowie 115000 Tscherkessen, Albaner, Bulgaren und
Bosnier, 35000 Georgier und 26000 Lazen islamischer Glaubensrichtung neben
128000 christlichen Syrern, Armeniern, Arabern und Griechen sowie
25000 Juden im Land - die meisten von ihnen mit ihrer eigenen Muttersprache.
Ebensowenig wie die restlichen Nomaden durften sich diese Gruppen bisher
innenpolitisch mitsprechen.
Alle Versuche der Minderheiten, besonders der Kurden, die eigene
Kultur zu pflegen oder sich gar zu verselbständigen, beschwören beim türkischen
Militär Visionen separatistischer Zustände
des 19. Jh. So ist es kaum verwunderlich, dass sich seit Mitte der
1980er Jahre zwischen der illegalen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), deren Ziel
es ist, einen souveränen Kurdenstaat zu schaffen, und der Armee ein blutiger
Guerillakrieg entwickelte,
Bilder von Moscheen
Wirtschaft
Die Landwirtschaft beschäftigt die
knappe Hälfte der Bevölkerung und beteiligt sich am Export, vor allem mit Baumwolle, Tabak, Südfrüchten, Getreide,
Wolle, Obst und Gemüse. Baumwolle wird besonders an der Südküste angebaut, an
der Ägäis Wein (zumeist für Rosinen und Tafeltrauben), Ölbäume, Früchte und
Tabak, am Schwarzen Meer Tabak und Mais, Haselnüsse und Tee. Reichlich 15% des gesamten Ackerlandes wird durch mehrere
Staudämme an Euphrat und Tigris in Südostanatolien bewässert und systematisch vergrößert. Auf
den Steppen des Hochlands überwiegt meist extensive Viehzucht (Schafe, Ziegen,
Rinder). Das große Fischfangpotenzial der Türkei, die über mehr als 7000 km
Küste verfügt, wird erst zu einem geringen Teil genutzt; Hauptfanggebiet ist
das Schwarze Meer.
Umfangreich sind die Bodenschätze, die teilweise exportiert
werden: Chrom und Kupfer, Eisen, Stein- und Braunkohle, Bauxit, Wolfram,
Antimon, Mangan, Phosphat, Erdöl und -gas. Für die Energieversorgung ist die
Nutzung der Wasserkraft von steigender Bedeutung; nach der Fertigstellung großer
Stauanlagen in Südostanatolien wird etwa die Hälfte der elektrischen Energie in Wasserkraftwerken
erzeugt. Die Industrie umfasst vor allem Textil- und chemische
Industrie, daneben Maschinenbau, Metall-, Papier-, Nahrungsmittel-, Glas-,
keramische, Zement- und Tabakindustrie sowie Eisen- und Stahlindustrie. Bekannt
ist die traditionsreiche Teppichknüpferei. Die Industrie konzentriert sich vor
allem im Großraum Istanbul, in der Region um Ankara sowie an der Südküste um die
Städte Adana und Mersin.
Die Bedeutung des Fremdenverkehrs hat insbesondere seit Anfang
der 1980er Jahre stark zugenommen. Hauptanziehungspunkte sind das Marmarameer
mit Istanbul, die Ägäisküste mit berühmten Ausgrabungsstätten (Pergamon, Troja
u. a.) sowie die Mittelmeerküste um Antalya.

Landwirtschaft
Seit Jahrhunderten vernichtet der Mensch in Anatolien eine der
wichtigsten natürlichen Ressourcen des Landes, um zu überleben: den Wald. In der
Regel geschieht dies aus Armut und aus Not. Nur ein knappes Drittel des Staatsgebietes sind als
Ackerflächen verfügbar. Die Landwirtschaft ist auf die Ausschöpfung jeder
Möglichkeit der Nahrungsproduktion angewiesen. Eingebunden in einen Kreislauf zwischen Bevölkerungswachstum, steigendem Nahrungsmittelbedarf,
Ausdehnung der Ackerflächen, Brennstoffmangel, begrenzten Weideflächen bei
intensiver Viehhaltung und geringer Verfügbarkeit von natürlichem Dünger wurden
mindestens seit dem 19. Jh. die anatolischen Wälder unkontrolliert
beweidet und gerodet, d.h. damit vernichtet. Erst in der Gegenwart hat man
den Wert der einst ausgedehnten Waldungen der türkischen Bergländer erkannt und
auf riesigen Flächen Neupflanzungen vorgenommen und ganze Forsten eingezäunt, um
sie vor wildem Einschlag und Ziegenverbiss zu schützen.
Vor allem in den weitgehend winterkalten, heute waldlosen oder
aber zumindest waldarmen Gebieten der Türkei sind alternative Heizmaterialien
nur als teure moderne Brennstoffe (Kohle, Öl, Gas) verfügbar oder in Form von
getrocknetem Mist, der dann den Bauern allerdings als Dünger für ihre
ausgelaugten Felder fehlt. Die Erträge sind deshalb entsprechend beeinträchtigt,
so greift man zum Kunstdünger. Der aber ist für viele Kleinbauern
unerschwinglich, denn die meisten sind arm.
Auf dem Dorfe lebt man sehr einfach, ohne große Ansprüche an
Nahrung, Kleidung, Komfort und Hygiene. Mühsame Handarbeit, im Islam tief
verwurzelte Traditionen und Normen, überkommene familiär-patriarchalische
Sozialbindungen und -vorstellungen, die auf dem Lande trotz der
Reformen nur ansatzweise geändert bzw. beseitigt werden konnten, bestimmen noch
heute Alltagsleben und Wirtschaften auf dem Dorfe. Neues hält nur
zögernd Einzug, bisweilen mit unerwarteten Konsequenzen: Die Folge besserer
medizinischer Versorgung ist reicher Kindersegen - und wachsende
Arbeitslosigkeit und sich weiter ausbreitende Armut.
Natürlich gibt es in den zahlreichen Becken, Tälern und
Küstenebenen, ja selbst in den Bergländern günstige Regionen mit Anbau von
einträglichen Intensivkulturen, wie Tee, Haselnuss, Baumwolle, Gemüse, Zitrus,
Tabak, in denen ein Teil der Landbevölkerung durchaus ein gutes Auskommen hat.
Doch obwohl durch Technisierung und Intensivierung in der Landwirtschaft
vielerorts deutliche Qualitäts- und Produktionssteigerungen erreicht wurden,
betreibt die Mehrzahl der türkischen Bauern auf viel zu kleinen Höfen
Landwirtschaft zur Eigenversorgung bei geringer Technisierung. Ochsengespann, Hakenpflug, Dreschschlitten,
Handsichel und Scheibenradwagen bestimmen noch weitgehend die Arbeitsmethoden,
vor allem in Gebirgs- und Berglandschaften, wo die Dichte der Bevölkerung zudem
auch noch besonders hoch ist. Die Erträge je Hektar liegen hier deutlich unter
denen in modernen westlichen Agrarländern üblichen Mengen. Kleinviehhaltung bleibt
als einziger Zusatzverdienst.
Aber mit der besseren Versorgung der Dörfer mit Strom und Wasser
und durch den Bau von Straßen, konnte auch die Technisierung der
Landwirtschaft vorangetrieben werden. Speziell in den ebenen Bereichen der
Becken und Hochflächen mit guten Böden gehört der Einsatz moderner Maschinen und
der Zusammenschluss der Bauern zu Genossenschaften oft schon zum gewohnten Bild. Und
mittlerweile halten auch
Radio und Zeitung Einzug in die Dörfer, und das
Teehaus als traditionelles Zentrum dörflicher Kommunikation ist ohne Fernseher
kaum mehr denkbar. Man ist an die Welt angeschlossen - allerdings mit einer
entscheidenden Konsequenz:: Die neue Straße ins Dorf brachte nicht nur
Fortschritt, sie öffnete auch den Menschen den Weg nach draußen. So ist
hier inzwischen ein Abwanderungsprozesses sichtbar. Überall stößt man
auf verfallene Gehöfte, mitunter auch auf leere Dörfer.
Der
Drang nach "außen" nimmt seit den 1960er Jahren stetig zu. Viele
Türken leben heute als Gastarbeiter im Ausland, vor allem in Europa. Allein in
Deutschland wohnen zur Zeit etwa 2 Millionen Türken.

Politik und Verfassung
Nach der mehrfach geänderten Verfassung von 1982 ist die Türkei
eine parlamentarische Republik. Der Staatspräsident wird vom Parlament für eine
Amtszeit von 7 Jahren gewählt. Das Präsidentenamt ist mit großen
Machtbefugnissen ausgestattet. So hat der Staatspräsident das Recht, Gesetze an
das Parlament zurückzuverweisen. Außerdem ist er befugt, den Ausnahmezustand zu
verhängen und durch Dekret zu regieren, was allerdings nachträglich vom
Parlament gebilligt werden muss. Er ernennt den Ministerpräsidenten und auf
Vorschlag des Ministerpräsidenten die Minister.
Die Große Nationalversammlung hat 550 Abgeordnete, die für 5
Jahre gewählt werden. Bei der Mandatsverteilung werden nur die Parteien
berücksichtigt, die mindestens 10% der Gesamtstimmen erhalten haben.
Das Militär versteht sich traditionell als Sachwalter des
Kemalismus, ein insbesondere durch Mustafa Kemal Atatürk geprägter Nationalismus,
und beansprucht eine Schiedsrichterrolle im politischen
Leben.
Der Staat heute
Mit 774815 km² Fläche ist das Territorium der heutigen Türkei
etwa so groß wie Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland in ihren
ehemaligen Grenzen zusammen. Nur ca. 3% davon entfallen auf Ostthrakien und
damit auf Europa, der Rest auf Anatolien. Eine mittlere Höhenlage von über 1000m
zeichnet diese Halbinsel als Gebirgsland aus und signalisiert gleichzeitig die
damit verbundenen Probleme und Zwänge für eine wirtschaftliche und
verkehrsmäßige Erschließung.
Bilder von unserem vorläufig letzten Urlaub in der Türkei: Alanya Sept.2011
Bilder:
© Monika u. Michael Frunzke
Geschichte
| 2000-1150 v. Chr. | Hethitische Kultur |
| um 1200 v. Chr. | Trojanischer Krieg |
| 546-333 v. Chr. | Kleinasien mehrmals persisch |
| 334/333 v. Chr. | Alexander der Große erobert Kleinasien |
| 330 | Konstantin der Große verlegt die römische Hauptstadt nach Byzanz |
| nach 632 | Araber erobern byzantinische Gebiete |
| 900-1100 | Einwanderung von Turkstämmen |
| 1071 | Schlacht bei Malazgirt: Seldschuken besiegen die Byzantiner |
| 1299 | Osman I. wird Sultan |
| 1453 | Die Osmanen erobern Konstantinopel |
| 1520-1566 | Blüte des Osmanenreiches unter Süleiman II. (der Prächtige) |
| 1700er Jahre | Der allmähliche Niedergang des Osmanischen Reiches beginnt |
| 1908 | bewaffnete Revolte gegen den despotischen Herrscher Sultan Abdul-Hamid |
| 1909 | Die liberale Gruppe der Jungtürken erreicht die Abdankung von Sultan Abdul-Hamid; sein Nachfolger wird sein Bruder Sultan Mehmed V. |
| 1914 | Die Türkei nimmt am Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands teil |
| 1919 | Griechische Truppen besetzen Izmir; Mustafa Kemal bildet eine Oppositionsregierung |
| 1920 | Durch den Frieden von Sèvres erleidet die Türkei territoriale Verluste |
| 1923 | Die Türkei wird Republik mit Kemal Atatürk als Präsidenten |
| 1925 | Ein kurdischer Aufstand wird niedergeschlagen |
| 1938 | Kemal Atatürk stirbt |
| 1960 | Militärputsch |
| 1965 | S. Demirel wird Ministerpräsident, 6 Jahre später zwingt ihn das Militar zum Rücktritt |
| 1974 | Türkische Truppen dringen in Zypern ein |
| 1975 | Demirel kehrt in sein Amt zurück |
| 1980 | Militärputsch |
| 1982 | Eine neue Verfassung tritt in Kraft |
| 1983 | Parlamentswahlen finden statt; T. Özal wird Ministerpräsident. |
| 1984 | Die PKK beginnt mit gewalttätigen Ausschreitungen |
| 1989 | T. Özal wird Präsident |
| 1993 | Özal stirbt; sein Nachfolger wird Demirel; mit T. Ciller bekleidet erstmals eine Frau das Amt des Ministerpräsidenten; gewalttätige Konflikte mit den Kurden halten an |
| 1995 | Türkische Truppen starten Großoffensive gegen die Kurden im Norden Iraks. |
| 1997 | M. Yilmaz wird Ministerpräsident |
| 1999 | B. Ecevit wird Ministerpräsident |
| 2002 | Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) gewinnt vorgezogene Parlamentswahlen. Abdullah Gül wird neuer Regierungschef |
Kemal Atatürk's Reformen
Als sich am 29. Oktober 1923 die Türkische Republik etablierte,
blickte das Land auf eine wechselvolle Geschichte zurück, deren Erbe es
abzuschütteln galt, wenn man als fortschrittlicher Staat Anerkennung finden
wollte.
Der progressiv westlich eingestellte erste Präsident Kemal Atatürk
(eigentlich Mustafa Kemal Pascha, 1881-1938) realisierte konsequent seine als
"Kemalismus" bekannt gewordenen Reformvorstellungen: Mit dem Aufbau einer
eigenständigen Wirtschaft legte Atatürk den Grundstein für den Weg der Türkei
hin zu einer modernen Industrienation. Die Trennung von Staat und Kirche brachte
den radikalen Bruch der Türkei mit der Tradition des osmanisch-muselmanischen
Gottesstaates und damit eine Ent-Orientalisierung, d.h. die deutliche Hinwendung
nach Europa. Der Aufbau einer zeitgemäßen Verwaltung und die Einrichtung der
allgemeinen Schulpflicht, eine Gesetzes- und Schriftreform (1926 und 1928), die
Einführung der Familiennamen (1934) und die generelle Gleichstellung von Mann
und Frau, das alles waren entscheidende Mosaiksteinchen auf dem Weg aus der
Vergangenheit - auch wenn viele dieser Vorhaben bis zum heutigen Tag nur
unvollkommen verwirklicht werden konnten.
Mit der
Schaffung der modernen Türkischen Republik, dem Übergang zum Mehrparteiensystem
und der Einführung moderner Wirtschaftsformen nach Atatürks Tod ergaben sich für
die junge Republik neben manchen Vorteilen auch starke Unruhen als Folge
sozialer und wirtschaftlicher Probleme sowie regionaler ungleicher Lebensbedingungen, die
bisweilen in heftigen innenpolitischen Radikalisierungen eskalierten, bis hin
zur Gefahr eines Bürgerkrieges.
Bis heute verstehen sich die türkischen Militärs als Wahrer des
Atatürkschen Erbes und als Wächter der Demokratisierung des Landes. Bislang
dreimal (1960, 1971, 1980) übernahm das Militär die Macht und stellte mit
drakonischen Mitteln die innere Ruhe wieder her. Jedesmal wurde erneut der
Versuch unternommen, eine zeitgemäße demokratische Regierungsform zu etablieren und
eine stabile Wirtschafts- und Sozialstruktur aufzubauen.
![]()