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Die Erde und ihre Länder
Europa / Asien - Russland
Hauptstadt: Moskau
| Sehenswürdigk. | Moskau (Roter Platz
mit Kreml,
Basilius-Kathedrale
und Warenhaus
GUM, Metro, Bolschoj-Theater, Puschkin-Museum, Tretjakow-Galerie, Gorkij Park, St. Petersburg (Peter-und-Pauls-Kathedrale, Isaaks-Kathedrale, Eremitage, Newski-Prospekt, Staatsbibliothek, Schloss Peterhof); Sagorsk (St.-Sergius-Dreifaltigkeitskloster) ; Susdal (Kirchen und Klöster) Wladimir (Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale) Kaliningrad (Königsberg); Wolga; Baikalsee; Kishi-Insel im Onega-See, Kaukasus usw., usw. |

Russland erstreckt sich von Norden nach Süden über etwa 40
Breitengrade, von Westen nach Osten über rund 170 Längengrade. Ein Raum von
diesem Ausmaß kann in seinen natürlichen Gegebenheiten nicht einheitlich sein,
auch nicht annähernd.
Die Oberfläche des Gebietes ähnelt einer riesigen
Tafel, das im Süden und Osten gehoben ist und nach Norden und Westen
abfällt. Die ausgedehnten Flachländer - das Osteuropäische und Westsibirische
Tiefland wie auch das Mittelsibirische Bergland - werden im Süden und Osten von
den Gebirgen des Kaukasus, Altai und der Sajanen sowie den
Gebirgen Ostsibiriens begrenzt.
Die osteuropäische Tiefebene ist das Kernland Russlands. Es
ragt nur in den flachwelligen Höhenrücken über die 200-Meter-Höhenlinie hinaus.
Nach Osten wird es vom 2000 km langen Uralgebirge begrenzt, das mit seinem
steilen und unvermittelten Ostabfall die Grenze zwischen Europa
und Asien bildet. Östlich des Ural folgen das Westsibirische Tiefland, eines
der größten Tiefländer der Erde, das Mittelsibirische Bergland und das
Ostsibirische Gebirgsland. Im Süden erstreckt sich ein breiter
ebener Steppengürtel, der von mächtigen Lößdecken überzogen ist. Im Süden wird
dieser
von einem z.T. stark vergletscherten Hochgebirgsgürtel abgeschlossen.
Das Tafelland wird von der Wolga, dem längsten und wasserreichsten Fluss Europas, durchflossen. Östlich des Ural folgen das Westsibirische Tiefland bis zum Jenissej und weiter bis zur Lena das Mittelsibirische Bergland, ein durch viele Flüsse zertaltes Hochland, das im Süden vom Sajan und Baikalgebirge begrenzt wird. Zwischen dem Baikalgebirge und den Gebirgsländern Transbaikaliens ist der lang gestreckte Baikalsee eingebettet, der mit 1637 m tiefste See der Erde. Östlich der Lena erstreckt sich das Ostsibirische Gebirgsland. Die vulkanreiche Halbinsel Kamtschatka, die Inselkette der Kurilen und Sachalin, die größte Insel Russlands, markieren die Ostgrenze des Landes. Auch der nordsibirischen Küste sind zahlreiche größere Inseln und Archipele (Nowaja Semlja, Sewernaja Semlja, Neusibirische Inseln) vorgelagert. Der Süden Russlands wird von zum Teil stark vergletscherten Hochgebirgen eingenommen (Kaukasus, Altai, Sajan). Höchste Erhebung des Landes ist der 5642 m hohe Elbrus im Kaukasus.
Auffallend ist die unterschiedliche regionale Ausprägung des Klimas. Es überlagern sich zwei Tendenzen: zunehmende Sonneneinstrahlung und damit Wärme von Nord nach Süd, zunehmende winterliche Kälte und Trockenheit von West nach Ost.Tundra und Taiga
Südlich der Eismeerküste erstreckt sich die Tundrazone,
ein Streifen, der wegen der zunehmenden Kontinentalklimas nach Osten hin
breiter wird. Selbst am Südrand dieser Tundrazone übersteigen die Temperaturen
selbst im Julimittel nicht 10°C. Die Durchschnittstemperatur im Januar liegt im
europäischen Landesteil bei -8°C bis -20°C, in Sibirien bei -20°C bis -34°C.
Trotz geringer Niederschläge ist die Luftfeuchtigkeit (Nebel, starke Bewölkung)
hoch. Bäume gibt es hier nicht, die Strauchvegetation erreicht in
windgeschützten Niederungen Hüfthöhe. Ansonsten dominieren Flechten und Moose. Menschen können
hier nur stellenweise leben, z.B.
in Bergbausiedlungen wie Workuta und Norilsk oder Verkehrssiedlungen wie
Murmansk.
Nach Süden folgt die Taiga, ein ausgedehnter Waldgürtel im
gemäßigten Klimabereich. Die Temperaturen des wärmsten Monats
liegen im Durchschnitt zwischen 10°C im Norden und 20°C im Süden. Die Winter
sind kälter als in der
Tundra, im Westen ein
Januarmittel von -10°C, im Osten bis -45°C. In der Regel fallen mehr Niederschläge als an Feuchtigkeit verdunstet -
außer in den innersten und damit auch wintertrockensten Teilen Sibiriens. Die
Böden sind meist mineral- und humusarm und bieten für eine ackerbauliche Nutzung
nur wenig Möglichkeiten. Dies ändert sich zum Südrand der Taiga. Dort werden
die Böden humusreicher, die Temperaturen wärmer und die Vegetationszeiten
länger.
Wald- und Steppenland
Im europäischen Landesteil und im Fernen Osten folgen auf die
Taiga die Misch- und Laubwaldgebiete. In Sibirien sind sie wegen der
großen Winterkälte unterbrochen. Der osteuropäische Mischwald ist ein Ergebnis
relativ feuchter atlantischer Luftmassen. Die Wintertemperaturen liegen im
Westen um -3°C, im Osten, etwa an der mittleren Wolga, bei -12°C. Obwohl dieses
Gebiet weder besonders fruchtbar ist, es auch kaum Rohstoffvorkommen gibt,
bildete es das Kernland des spätmittelalterlichen russischen Reiches. Hier
liegen Moskau und Sankt Petersburg, die beiden traditionellen russischen
Hauptstädte. In beiden gibt es eine räumliche Konzentration von Arbeitsstätten und Wohngebieten.
Nach Süden folgent
die Waldsteppenzone. Hier verbinden sich Faktoren von Wald- und Steppenland fast
optimal:
die Feuchtigkeit des Waldlandes mit der Sommerwärme und der Länge der
Vegetationszeit sowie die humusreichen Böden der Steppe.
Einwohner
Russland hat 143 Millionen Einwohner. Den Großteil der Bevölkerung stellen mit
82% die Russen; dennoch ist die Föderation ein Vielvölkerstaat. Das Land
beherbergt rund hundert Minderheiten (davon 7 mit über 1
Million, 19 mit über 100 000 Angehörigen), von denen die Tataren, Ukrainer,
Tschuwaschen, Dagestaner, Baschkiren, Weißrussen und Mordwinen die größten
Gruppen sind. Für diese nichtrussischen Nationalitäten bestehen 21 Republiken
mit eigener Verfassung und Gesetzgebung, wo die Völker in begrenztem Maße ihre
nationale Eigenständigkeit pflegen können. So leben in Tschwaschien knapp 70%
der Tschuwaschen. Der deutsche Bevölkerungsanteil (0,6%) ist rückläufig.
Die
Hauptsiedlungsgebiete nichtrussischer Gruppen sind der Nordkaukasus
(Tschetschenen u. a.), Wolga- und Uralgebiet (Tataren und andere Völker),
Südsibirien (turksprachige und mongolische Völker) und Nordsibirien (Jakuten
u. a.). In all diesen Gebieten leben auch Russen, die zum Teil sogar die
Mehrheit stellen. Russisch ist Staatssprache, daneben sind in den einzelnen
Teilrepubliken die jeweiligen Sprachen Amtssprache.
Größte Religionsgemeinschaft ist die russisch-orthodoxe Kirche.
An zweiter
Stelle steht der Islam (besonders in Tatarstan, Baschkirien, Dagestan und
Tschetschenien). Außer Protestanten, Katholiken und Juden gibt es noch eine
größere buddhistische Minderheit (vor allem in Südsibirien) sowie zahlreiche
Sekten.
Die Bevölkerungsverteilung ist sehr ungleichmäßig: etwa 65% der
Bevölkerung leben im europäischen Teil, in Sibirien leben dagegen nur 35%.
Infolge der Industrialisierung steigt der Anteil der städtischen Bevölkerung
(1913: 18%, 2000: 73%).
Moskau
Moskau, die größte Stadt Russlands, ist seit Lenins Tagen
wieder Hauptstadt.
Peter der Große hatte die Residenz 1712 nach Sankt Petersburg
verlegt, das er
gegründet hatte, das 1914-1924 Petrograd und 1924-1991
Leningrad hieß und jetzt wieder seinen alten Namen führt. 1918 siedelte die bolschewistische
Regierung nach Moskau über. Damit erhielt die Stadt, die seit dem 14.
Jh. als Symbol der nationalen Einigung Russlands galt, die Bedeutung
zurück, die ihr - nach Ansicht vieler Russen - von jeher
zustand.
Die Sowjetunion war ein Bundesstaat,
Moskau war Sitz der Parteiführung und aller zentralen Behörden des Landes. Nach wie vor ist es Regierungssitz Russlands, zugleich das größte
Industriezentrum des Landes und wichtigster Verkehrsknotenpunkt.
Der Stadtgrundriss Moskaus ist durch ein ringförmiges
Straßensystem um den Kreml charakterisiert. Der 28 ha große Kreml stammt in
seiner heutigen Form aus dem späten 15. Jh., bebaut war sein Gelände aber bereits
im 12. Jh., eine Siedlung auf dem Hügel zwischen Moskwa-Fluss
und der Neglinnaja. erstmalig genannt wurde.
Die radialen Straßen führen vom Zentrum in Regionen, die sich
schon im Mittelalter in ihrer Ausstattung unterschieden.
Die heutigen Ringstraßen zeichnen Befestigungsanlagen aus dem 16. Jh.
nach.
Für den traditionsbewussten Russen ist Moskau mehr als eine
Arbeits- und Einkaufsstätte. Er sieht in der Kreml-Kathedrale und den
Zwiebeltürmen der Basilius-Kathedrale aus dem 16. Jh. auf dem Roten
Platz ein Symbol russischer Geschichte.
Moskau war für Russland immer das, was ein Gesandter des
deutschen Kaisers im 16. Jh. in einem bekannten Reisebuch beschrieb:
"Russlands Haupt und Mitte". Und als solche hatte es für Russland und später für
die Sowjetunion immer auch etwas an Schaufensterfunktion. Nicht nur,
dass hier dem Besucher aus der Provinz oder dem Fremden aus dem Ausland etwas
vorgemacht wurde. Dies wurde auch getan. Aber die Stadt spielte eine
Vorbildrolle, nach der sich andere Städte richteten.
Das gilt für alle Bauepochen der Stadt: für die zwiebeltürmigen
Kremlkirchen des 15. Jh., für das klassizistische Moskau mit seiner
klaren Linienführung in Adelspalästen, öffentlichen Gebäuden und der
Straßenführung nach dem Brand von 1813.
Wirtschaft
Russland hatte sich in der ersten Hälfte des 20. Jh.
von einem ausgesprochenen Agrarland zum zweitgrößten Industriestaat der Erde
entwickelt. Grundlage dieser Entwicklung war die zur
Enteignung von Grund und Boden und die Verstaatlichung von Wirtschaftsbetrieben,
die
zur Einrichtung von Kollektivwirtschaften führte. Ende der 1980er Jahre verschärfte
sich die wirtschaftliche Situation un es kam zu Maßnahmen zur Umstrukturierung
des Wirtschaftssystems, um den Leistungsanreiz des Einzelnen zu erhöhen und das
System flexibler zu gestalten. Der Übergang von der zentral gelenkten
Planwirtschaft zur Marktwirtschaft brachte aber eine weitere
Verschlechterung der Wirtschaftslage mit sich, nicht zuletzt durch den Zerfall
der wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken.
Es kam zu Produktionsrückgängen in allen
Branchen, zu Inflation, Versorgungsproblemen, Rückgang des
Außenhandelsvolumens, steigender Auslandsverschuldung und einem gewaltigen
Haushaltsdefizit. Deshalb wurden1992 Maßnahmen zur Umstrukturierung der
Wirtschaft in Angriff genommen. z.B. zügige Privatisierung, Beseitigung des Haushaltsdefizits
und eine restriktive Geldpolitik. Die Privatisierung gestaltete sich jedoch
insbesondere im Bereich der großen Industriekomplexe und der staatlich gelenkten
landwirtschaftlichen Großbetriebe schwierig, sodass erst seit 1999 ein leichter
Wirtschaftsaufschwung zu verzeichnen ist.
Russland verfügt über einen großen Reichtum an Bodenschätzen.
Die Vielzahl unterschiedlicher, meist in großen Mengen vorhandener Rohstoffe
stellt ein wertvolles wirtschaftliches Potenzial dar: Steinkohle, Braunkohle, Eisenerz, Chrom, Nickel, Kupfer,
Bauxit, Gold, Platin, Diamanten, Erdöl, Erdgas u.a.
Industrie
Die industrielle Produktion ging von 1991 bis 1998 um mehr als
zwei Drittel zurück. Ein Grund dafür war die zu Sowjetzeiten erfolgte
einseitige Ausrichtung auf die Schwer- und Investitionsgüterindustrie. Erst seit 1999 konnte ein allmählicher Anstieg der industriellen
Produktion zerreicht werden.
Die wichtigsten Industriegebiete sind Moskau und
sein Umland, der
Raum um St. Petersburg und die Verarbeitungszentren auf der Basis der reichen
Bodenschätze bzw. an den Schnittpunkten der Hauptverkehrswege.
Zu den
wichtigsten Industriezweigen zählen Eisen- und Stahlindustrie, Maschinen- und
Fahrzeugbau, die chemische, Holz-, Textil- und Nahrungsmittelindustrie.
Die Energieerzeugung wurde u. a. durch Errichtung großer Stauanlagen mit
Großkraftwerken an den Strömen, bes. an der Angara, sowie durch
Kernkraftwerke erheblich gesteigert. Bis 2002 wurde die Anzahl der
Kernkraftwerke auf 30 erhöht.
Landwirtschaft
Wichtigstes Anbaugebiet ist die Schwarzerdezone.
Sie erstreckt sich vom
nördlichen Kaukasusvorland bis zum mittlere Wolgagebiet und vom Ural bis nach Nowosibirsk. Hier
überwiegt, auch bedingt durch das
vorherrschende kontinentale Klima, der Getreideanbau, bes. Sommer- und
Winterweizen, Gerste, Hafer, Mais. Weitere wichtige Anbauprodukte sind
Kartoffeln, Zuckerrüben, Sonnenblumen, Baumwolle und Ölfrüchte.
Die
Viehzucht, vor
allem Rinder, Schweine und Schafe, macht rund 60% der landwirtschaftlichen Produktion aus.
Für die Holzwirtschaft bilden die
Wälder der Taiga ein unerschöpfliche Vorräte. Über die Hälfte des Holzbestandes entfallen auf Sibirien und werden erst gering genutzt.
Von
wirtschaftlicher Bedeutung ist der Fischfang (Hochsee-, Küsten- und
Binnenfischerei); die wichtigsten Fischereihäfen sind Murmansk und Wladiwostok.
Weit bekannt ist die Kaviargewinnung an der Wolga und am Kaspischen Meer (Kaviar ist gereinigter, gesalzener Rogen =
Eier verschiedener Stör-Arten,
bes. aus dem Schwarzen,
Asowschen u.Kaspischen
Meer, z. B. Beluga, Osietra...Er wird auch „Schwarzes Gold“=sehr teuer genannt.
Verkehr
Der
wichtigste Verkehrsträger ist die Eisenbahn mit einem Streckennetz
von ca. 150 000 km, seine größte Dichte ist im Südwesten des Landes und im mittleren
europäischen Raum, auch in Teilen des Urals. Die um die Jahrhundertwende erbaute
Transsibirische Eisenbahn ist noch immer die einzige Bahnverbindung vom
europäischen Raum in den Fernen Osten. In Westsibirien wird sie durch zwei
Parallelbahnen entlastet. In Ostsibirien und im Fernen Osten ist seit 1984 eine
nördliche Parallelstrecke, die Baikal-Amur-Magistrale, in Betrieb.
Mit der Erschließung neuer Erdöl- und
Erdgasvorkommen erlangte der Rohrleitungstransport erhebliche Bedeutung.
Wichtigste Erdölleitung ist die 4300 km lange Fernleitung "Druschba", die durch
Polen bis in den Raum von Halle/Saale führt.
Im europäischen Raum Russlands
existiert ein gut ausgebautes
Kanalsystem der Binnenschifffahrt.
Wichtigste Wasserstraße ist die Wolga; die größten Binnenhäfen sind St.
Petersburg, Astrachan und Archangelsk.
Nur wenige der ca. 50 russischen Seehäfen sind das ganze Jahr
eisfrei. Der Überseeverkehr wird z. T. über Schwarzmeerhäfen
abgewickelt. Wichtigste Seehäfen sind St. Petersburg und
Wladiwostok.
In Sibirien sind die großen Ströme, die aber im Unterlauf nur
wenige Monate eisfrei sind, von besonderer Bedeutung, ebenso die Fluglinien. Zentrum
des nationalen wie internationalen Flugverkehrs ist Moskau, das allein über vier
Zivilflughäfen verfügt.
Kiewer Reich (um 882-1169)
Um die Mitte des 9. Jh. schlossen
sich die
slawisch-warägischen
Herrschaftsgebiete in Osteuropa zu einem mittelalterliches
Großreich mit Zentrum in Kiew zusammen. Dieses wird als
Vorläufer der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland angesehen. Das
Staatswesen beruhte hauptsächlich auf dem Handel, die Beziehungen zu Byzanz wurden
911 in einem ersten Handelsvertrag
geregelt. Nur etwa 50 Jahre später zeigte Kiew seine erste
ungestüme Machtentfaltung in Feldzügen gegen noch unabhängige ostslawische
Stämme, gegen Chasaren und Wolgabulgaren, letzteres konnte aber gegen Byzanz nicht gehalten werden.
Eine bis in die Gegenwart nachwirkende Entscheidung war die
Übernahme des Christentums orthodox-byzantinischer Prägung (988) durch
Wladimir den Heiligen, der die
byzantinische Prinzessin Anna hjeiratete. Russland erreichte im 11. Jh. den Höhepunkt seiner
ersten Kulturblüte, aber bald bahnten sich Niedergang und die Zersplitterung des Kiewer Reichs
an. Der stets umkämpfte Kiewer Thron verlor sein Prestige. Jurij Dolgorukij war sein letzter
starker Großfürst (12. Jh.). Hauptursachen für den Verfall Kiews sind wohl
der
Niedergang seines Handels (Sperrung des Dnjeprwegs durch die
Kumanen), das Fehlen einer eindeutigen Erbfolgeregelung und das Erstarken
der einzelnen russischen Territorien.
Teilfürstentümer und Mongolenherrschaft (1169-1462)
In der Folge bildeten sich in Russland 3 politische Zentren:
1.
im Südwesten das Fürstentum Halitsch-Wolynien, das unter den Fürsten
Roman und Daniel die größte Machtentfaltung
aufwies; 1340 fie es nach Erlöschen der Dynastie an Polen
2. im Nordwesten
Groß-Nowgorod, das seit dem 12. Jh. von Kiew unabhängig
war und erst 1478 von Moskau unterworfen wurde;
3. im Nordosten stieg das Fürstentum
Wladimir-Susdal (zwischen Oka und oberer Wolga), ursprünglich von Finnen
besiedelt, im 12. Jh. durch den verstärkten Siedlerzustrom aus dem
Südwesten und Nordwesten schnell auf. Die Fürstengewalt war hier von vornherein
viel stärker, er und später sein Bruder Wsewolod setzten sich gegen die lokale Aristokratie der Städte Rostow und
Susdal durch. Aber das Großfürstentum fiel im 13. Jh. unter die
Herrschaft der Mongolen, wie auch die zahllosen kleinen süd- und südwestrussischen
Fürstentümer. Alexander Newskij, der 1242 den
vordringenden Deutschen Orden abgewehrt hatte, musste als Großfürst
eine Politik der Willfährigkeit gegenüber den Mongolen dulden, um sich dadurch
eine gewisse Erholung des Landes zu erkaufen.
Schon unter der Mongolenherrschaft setzte um 1300 ein
Ringen um das relativ junge Teilfürstentum Moskau ein. Daniel konnte das Moskauer
Gebiet bedeutend erweitern. Seine Söhne Jurij und Iwan
Kalita sicherten in blutigen Auseinandersetzungen mit den
Fürsten von Twer und durch Willfährigkeit gegenüber den Mongolen die
Großfürstenwürde für die Moskauer Dynastie. Demetrius
Donskoj veranlasste die meisten russischen Fürsten
zur Heerfolge gegen die Mongolen, wenn auch sein Sieg
am Don (1380) nicht das Ende der Mongolenherrschaft
bedeutete.
Moskauer Staat (1462-1712)
Nachdem der Großfürst Wassilij II. in einem
25-jährigen Thronkrieg gegen seinen Onkel Jurij von Halitsch und dessen Söhne
gesiegt hatte, setzte sich in Moskau die Primogenitur durch, ein Erbfolgeprinzip, bei dem n
u r der Erstgeborene das Erbe antritt und
alle Geschwister ausgeschlossen bleiben. Gleichzeitig
beseitigte Wassilij zahlreiche Teilfürstentümer. Sein Sohn Iwan III. sorgte
für die Einigung des
Moskauer Staats, das Verhältnis zu den Mongolen wurde zu einem Vertragsverhältnis. Die Grenze zu Litauen wurde
deutlich nach Westen verschoben.
Wassilij III. eroberte 1515 bereits Smolensk. Der Vorstoß zur
Ostsee scheiterte aber an der Niederlage gegen den Landmeister des Deutschen
Ordens. Iwan IV. (Iwan der Schreckliche)
ließ sich als erster
russischer Herrscher zum Zaren krönen. Er erschöpfte die Kräfte Russlands in
dem langen erfolglosen Livländischen Krieg gegen Polen und Schweden um das
Baltikum. Dagegen leitete die Eroberung von Kasan 1552, Astrachan 1558 und des
Chanats Sibir 1582 durch Jermak die russische Ostexpansion ein.
Iwan IV. zerbrach die politische Macht des Bojarentums und machte den Willen des
Zaren zur einzigen Autorität. Die jahrzehntelangen Kriege und die
Innenpolitik Iwans führten zu sozialen Spannungen. Die gesamte
Regierungszeit Michael Fjodorowitschs (1613-1645), des
neuen Zaren, verging mit der mühevollen Herstellung der Stabilität
nach innen und außen. Erst unter Zar Alexej Michajlowitsch (1645-1676)
griff Russland erneut nach Westen: Nach langem Krieg gegen Polen
gewann es die Ukraine links des Dnjepr, die sich
von Polen loslöste. Im 17. Jh. begannen Technik und Kultur aus
Westeuropa verstärkt nach Russland einzudringen.
Petersburger Imperium (1712-1917)
Peter der Große ersetzte die
religiös-traditionellen Wertvorstellungen des Moskauer Staats durch die
rationalen Westeuropas. Die Europäisierung, z.B. die
Verlegung der Residenz in das 1703 gegründete St. Petersburg und die Annahme des
Kaisertitels 1721 durch Peter, erfasste allerdings nur eine dünne Oberschicht.
Peter der Große schuf eine Bürokratie, die sich zum
Staatsapparat konstituieren und später, bes. im 19. Jh., mit dem
Staat identifizieren sollte. Außenpolitisch zeichneten sich bei Peter bereits die
späteren Stoßrichtungen der russischen Politik ab: zur Ostsee und nach Westen,
zum Schwarzen Meer und auf den Balkan sowie nach Mittelasien. Durch seinen
Erfolg im Krieg gegen Schweden (1700-1721) stieß er in breiter
Front zur Ostsee vor und machte Russland zur osteuropäischen Vormacht. Unter
Kaiserin Anna wurde durch die Politik Ostermanns
die 2. außenpolitische Interessensphäre, das Schwarze Meer und der Balkan,
deutlich. Russland wurde damit zum Rivalen Österreichs
auf dem Balkan. Kaiserin Katharina II. gewann in den Friedensschlüssen von
Kütschük Kainardschi und Jassy sowie durch die Annexion der Krim
das Küstenland des Schwarzen Meeres bis zum Dnjestr. Die Teilungen Polens
(1772, 1793 und 1795) schoben die Grenzen Russlands bis nach Mitteleuropa vor.
Seit Katharina II. war das Russische Reich als Großmacht in Europa an der
Regelung aller europäischen Fragen beteiligt. Im Innern wurden die
Adelsprivilegien erweitert und die Leibeigenschaft der Bauern
verschärft.
Die führende Rolle Russlands beim Sieg über Napoleon I. (
1813-1815) machte es unter Alexander I. zur kontinentalen Vorherrschaft. Durch die
Eroberung Finnlands 1809 und den Erwerb des größten Teils von Polen auf dem Wiener Kongress 1815 fand die russische Expansion nach Westen
erst einmal ihren Abschluss. Dagegen entfaltete Russland auf dem Balkan, in
Zentralasien und im Fernen Osten eine fortwährende Expansionstätigkeit. Nach erfolgreichen Kriegen gegen die Türkei,
wo es Bessarabien und das
Donaudelta erworben hatte, erreichte sein Einfluss auf die Türkei durch das
Verteidigungsbündnis von Hunkar Iskelesi 1833 seinen Höhepunkt. Einem
weiteren Vordringen gegen die Türkei setzten Frankreich und
Großbritannien Mitte des 18.Jh. im Krimkrieg ein Ende.
Sein Expansionsstreben richtete sich nun zuerst nach dem
Fernen Osten - 1858 erwarb es im Vertrag von Aihun das Amurgebiet und Nordsachalin, später auch
Südsachalin und nach
Zentralasien, dann annektierte es Turkestan, Taschkent und Kirgisien,
Samarkand und das Chanat Buchara, 1873 das Chanat Chiwa, danach das Chanat
Kokand, Merw und Tadschikistan. Aber dabei drang Russland teilweise in die
Interessensphären Englands ein, auch die russischen Erfolge im Krieg
gegen die Türkei widersprachen dem Interesse Österreichs und Englands, sodass A. Gortschakow auf dem Berliner Kongress 1878 seine Pläne
auf eine
grundlegende Neuordnung des Balkans aufgeben musste. Die
nationalistische öffentliche Meinung in Russland beschuldigte Deutschland, dass Russland um die Früchte des Sieges gebracht wurde. Der
Interessengegensatz zu Österreich war einer der Hauptgründe für die
Nichterneuerung des Dreikaiserabkommens von 1881. Aber erst die Ablehnung
der Verlängerung des Rückversicherungsvertrags durch
Deutschland führte zur Neuorientierung der russischen Außenpolitik und zur
Bindung an Frankreich.Die Aufhebung der Leibeigenschaft 1861, die die Bauern
befreite, ohne ihnen genügend Land zu geben, hatte das soziale Problem
verschärft, statt es zu lösen. Mit der zunehmenden Industrialisierung Russlands
seit den 1880er Jahren, die nach der Sanierung der russischen Finanzen mit Hilfe westeuropäischer Investitionen besondere
Fortschritte machte, fand der Marxismus Eingang in Russland. Bereits in den 1890er Jahren hatten heftige Streiks die
neuen Industriezentren erschüttert, und in der Situation der Niederlage gegen
Japan löste der sog. Blutige Sonntag (22.01.1905) die erste russische
Revolution (1905/06) aus. Nach dem Erlass einer Verfassung durch Nikolaus II.
mündete jedoch die Entwicklung mit der Auflösung der linksgerichteten 1. und 2.
Reichsduma und der Änderung des Wahlgesetzes,
in dem die reaktionäre Politik wieder aufgegriffen wurde. Ihr Exponent wurde
Ministerpräsident P. A. Stolypin.
Nachdem die jetzt im Zeichen des Imperialismus
stehende russische Fernostpolitik durch den japanisch-russischen Krieg
von 1904/05 gescheitert war, richtete sich Russland mit Kriegen gegen den
Balkan, die Abgrenzung der Interessensphären
mit England im Mittleren Osten ) machte den Weg für ein Zusammengehen mit
der Entente frei. Die Unterstützung Serbiens durch Russland wurde in der
gespannten weltpolitischen Situation von 1914 einer der Auslösungsfaktoren des
1. Weltkriegs. Die sozialen und nationalen Probleme entluden sich
schließlich angesichts des lang andauernden 1. Weltkriegs in der
Februarrevolution von 1917. Nikolaus II. wurde zur Abdankung gezwungen.
Russland wurde Republik.
Oktoberrevolution und Bürgerkrieg (1917-1921)
Die neu gebildete provisorische Regierung (zunächst unter Fürst
Lwow, dann unter Kerenskij), die den Krieg fortsetzen wollte, verlor wegen der
allgemeinen Kriegsmüdigkeit und der Versorgungsnöte an Boden. Ihre
unentschlossene Politik nutzten die Bolschewiki am 25. 10. (7. 11. ) zu einem von Lenin
organisierten Aufstand (Oktoberrevolution). Es gelang ihnen, durch
tatsächliche oder scheinbare Erfüllung allgemeiner Forderungen, durch den
Waffenstillstand und schließlich den Frieden von Brest-Litowsk und
das Dekret über die Landaufteilung breite Massen zu gewinnen. Alle
Gegner wurden ausgeschaltet, ebenso die rechtmäßig gewählte
konstituierende Versammlung, in der die Bolschewiki mit 175 von
707 Sitzen in der Minderheit waren. Russland wurde zur Russischen
Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik.
Seit Oktober 1917 befand sich das russische Vielvölkerreich in
Auflösung: Die Völker des Kaukasus, die Finnen und die Esten erklärten sich noch
1917 für unabhängig; 1918 folgten die Ukrainer, Georgier, Weißrussen, Polen,
Letten und Litauer. Seit Anfang 1918 organisierte sich auch die Gegenrevolution:
im Süden entstand die Don-Republik, in
Westsibirien (Omsk) hatte sich A. Koltschak zum Reichsverweser
ausgerufen. Außerdem intervenierten die Ententemächte in Russland. Den
gegenrevolutionären Kräften fehlten jedoch eine einheitliche Zielsetzung und
Koordinierung der militärischen Aktionen, sodass sie nacheinander geschlagen
wurden. Auch die Offensive, die J. Pilsudski im April 1920 unternahm, um
die polnischen Grenzen von 1772 wiederherzustellen, scheiterte nach
Anfangserfolgen. Aber durch den Frieden von Riga kamen
beträchtliche Teile der alten weißrussischen und ukrainischen Gebiete an Polen
zurück.
UdSSR (1922-1991)
Als Ergebnis des bolschewistischen Siegs im Bürgerkrieg wurden
auch die meisten Randvölker des russischen Imperiums in den sowjetischen
Scheinföderalismus einbezogen. Die Gründung der Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken (UdSSR) am 30.12.1922 und die neue Verfassung von 1923/24
kennzeichneten eine Konsolidierung der bolschewistischen Macht. Im Inneren löste
Lenin den sog. Kriegskommunismus durch die Neue Ökonomische
Politik ab, um die zusammengebrochene Wirtschaft neu zu
beleben.
Nachdem klar geworden war, dass eine Weltrevolution vorerst
nicht zu erreichen war, schaltete sich die Sowjetunion zunehmend in das
weltpolitische Kräftespiel ein. Der Vertrag von Rapallo (1922) durchbrach zum ersten Mal die
außenpolitische Isolierung der Sowjetunion und leitete eine enge militärische
und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland ein. Ein entscheidender
Durchbruch gelang dem Außenminister Litwinow im Rahmen des
Kellogg-Pakts, das von der Sowjetunion, Rumänien, Polen, Lettland und
Estland unterzeichnet wurde (1929). Es folgten ein Vertrag mit Frankreich
und Nichtangriffspakte mit Polen, Lettland, Estland und Finnland (1932). Nach
der diplomatischen Anerkennung durch die USA (1933) vollendete die Aufnahme der
Sowjetunion in den Völkerbund (1934) ihre Einordnung in das Staatensystem der
Welt.
Der feindlichen Haltung Hitlers suchte die Sowjetunion
seit 1935 durch die Volksfrontpolitik zu begegnen. Beistandspakte mit Frankreich
und der Tschechoslowakei von 1935 blieben jedoch 1938/39 beim Zusammenbruch der
Tschechoslowakei wirkungslos. In den entscheidenden Tagen vor Ausbruch des
2. Weltkriegs beseitigte der überraschende deutsch-sowjetische
Nichtangriffspakt (23.08.1939) die letzte Schranke für den deutschen
Angriff auf Polen und brachte Ostpolen an die Sowjetunion, die 1940 auch
Estland, Lettland, Litauen, Bessarabien und die Nordbukowina annektierte. Durch
den Winterkrieg 1939/40 erzwang sie die Abtretung Kareliens von Finnland.
Zu Meinungsverschiedenheiten mit Deutschland kam es wegen weiterer sowjetischer
Forderungen gegenüber Finnland und der Einflusssphären auf dem Balkan. Der
deutsche Überfall auf die Sowjetunion (22. 6. 1941) kam überraschend.
Im Innern kam
es nach Lenins Tod (1924) zu
Machtkämpfen. Stalin, der als Generalsekretär den Parteiapparat beherrschte, ging
als
Sieger hervor. Er war ab
1928 der unumschränkte Diktator.
1928 begann die Umwandlung vom Agrar- zum Industriestaat
mittels eines rigoros erzwungenen Konsumverzichts der Bevölkerung. Die
gleichzeitig erzwungene Kollektivierung stieß auf
erbitterten Widerstand und rief zunächst Desorganisation und Hungersnot hervor.
Stalins totalitäre Diktatur gipfelte in den Säuberungen
1936-1938, denen alle gestürzten und potenziellen Gegner mit ihren Anhängern und ein großer Teil des
Offizierskorps zum
Opfer fielen.
Aus dem 2. Weltkrieg ging die Sowjetunion als Weltmacht hervor.
Bereits auf den Konferenzen von Teheran (1943), Jalta, London und Potsdam (1945)
überspielten Stalin und sein Außenminister Molotow die westlichen Alliierten, bei denen die
Nachkriegsgestaltung Europas hinter dem Nahziel des Siegs über Deutschland
zurücktrat. Die Sowjetunion annektierte weitere Gebiete (das nördliche
Ostpreußen, Karpato-Ukraine) und förderte mit Hilfe ihrer Besatzungstruppen die
Errichtung von volksdemokratischen Regimen in den osteuropäischen Staaten und in
der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Dieser inneren Sowjetisierung
entsprach die außenpolitische Gleichschaltung auf die Ziele der Sowjetunion. Der
Versuch der Sowjetunion, das kommunistische Herrschaftssystem auf weitere
Staaten auszudehnen, führte einerseits zu Zusammenschlüssen nicht kommunistischer Staaten
(NATO, SEATO, CENTO), andererseits zum Warschauer Pakt (1955).
Nach Stalins Tod 1953 trat an seine Stelle zunächst eine
kollektive Führung mit Malenkow, Berija und Molotow an der Spitze. Berija - als potenzieller
Diktator gefürchtet - wurde schon 1953 verhaftet und hingerichtet. Seit Herbst
1953 begann der Aufstieg N. S. Chruschtschows, der als Erster Sekretär des ZK der KPdSU die
Schlüsselstellungen des Parteiapparats mit seinen Leuten besetzte. 1957
führte er den entscheidenden Schlag gegen die aus der Stalin-Ära stammende
Führungsspitze: Molotow, Malenkow, L. M. Kaganowitsch und D. T.
Schepilow wurden als "Parteifeinde" abgesetzt; im März 1958 trat
Chruschtschow an die Stelle Bulganins und vereinigte Partei- und
Regierungsspitze auf sich.
Auf Chruschtschows Initiative wurden in der UdSSR der
Stalin'sche Terror und Personenkult verurteilt, die größten
Rechtsunsicherheiten beseitigt, die Wirtschaftsleitung dezentralisiert, die MTS aufgelöst,
eine marktgerechte Agrarpolitik eingeleitet und ein gigantisches
Neulandprogramm in Kasachstan in Angriff genommen. Die Schulreform
erstrebte eine stärkere Verbindung der Schule mit dem Leben.
Angesichts des zunehmenden westlichen Widerstands gegen die
aggressive sowjetische Außenpolitik wurden schon seit 1953 einige Konfliktherde
beseitigt (Waffenstillstand in Korea 1953 und Indochina 1954, Staatsvertrag mit
Österreich 1955, Beendigung des Kriegszustands mit Japan 1956) und die friedliche Koexistenz propagiert. Die gleichzeitige Verständigung mit
Jugoslawien unter Tito und die Lockerung des sowjetischen Griffs führte
zu Emanzipationsbestrebungen in einigen Staaten des Ostblocks, die allerdings blutig unterdrückt wurden, sofern sie der
sowjetischen Kontrolle zu entgleiten drohten (17. Juni 1953 in der DDR; 1956
Ungarn und Polen).
Mit Chruschtschows Sturz 1964 verbanden sich
Vorwürfe: Er habe die Kuba-Krise provoziert, den Bruch mit China eingeleitet, die Wirtschaft desorganisiert und einen
neuen "Personenkult" begonnen. Unter den Nachfolgern Chruschtschows, Breschnew , Kossygin
und Podgornyj wurde die Herrschaft der
Parteibürokratie wieder gestrafft.
Dies drückte sich u. a. in zunehmender ideologischer Intoleranz
und Zurücknahme vieler Liberalisierungsmaßnahmen aus. Langsam trat Breschnew mehr und mehr in den Vordergrund, ab 1966
führte er wieder den Titel "Generalsekretär", und seit Mitte der
1970er Jahre war er der maßgebende Politiker. Seine Innen- und
Wirtschaftspolitik sollte hauptsächlich Erschütterungen des Systems
vermeiden, stagnierte aber. Breschnew starb 1982.
Seine Nachfolger Andropow (1982-1984) und Tschernenko
(1984/85) waren krank und starben beide nach kurzer Amtszeit.
Außenpolitisch betrieb die Sowjetunion bis zur Mitte der 1980er
Jahre eine starke Weltmachtpolitik. Während des Vietnamkrieges unterstützte sie
mit ihrem Bündnisblock das kommunistische Nordvietnam, vermied aber ein
unmittelbares Eingreifen. Im Nahen Osten stand die UdSSR auf
Seiten der Staatengruppe, die einen Frieden mit Israel entschieden ablehnte. Der
Golfkrieg wurde genutzt, um den arabischen und islamischen Antiamerikanismus
zu schüren. Der
Rivalitätskonflikt mit China schwelte weiter, zumal Chinas weltpolitische
Position seit Beginn der 1970er Jahre gestärkt wurde; unter Breschnew
eingeleitete Bemühungen um eine Verständigung führten erst Ende der 1980er Jahre
zu einer Wiederannäherung. Bei massiver Einflussnahme auf verschiedene
afrikanische Staaten und im Bemühen, in Lateinamerika fester Fuß zu fassen,
spielte Kuba eine unterstützende Rolle.
In Europa und gegenüber den USA bemühte sich die UdSSR zwar um
Entspannung, nahm aber Rückschläge in Kauf. 1970 schloss sie mit der Bundesrepublik Deutschland den
Moskauer Vertrag über Gewaltverzicht und Anerkennung der Grenzen in Europa, 1971
mit den Westmächten das Viermächteabkommen über Berlin; 1972, 1973 und 1979
handelte sie mit den USA Verträge über die Beschränkung der atomaren
strategischen Rüstung aus; seit 1975 beteiligte sie sich an der
Europäischen Sicherheitskonferenz (KSZE) in Helsinki und an den
Nachfolgekonferenzen in Belgrad, Madrid, Stockholm und Wien sowie an den Wiener
Verhandlungen zum Truppenabbau in Europa. Dagegen besetzte die UdSSR im
August 1968 zusammen mit den Warschauer Paktstaaten die Tschechoslowakei, um
reformkommunistische Tendenzen zu unterdrücken, und im Dezember 1979
Afghanistan. In Polen betrieb die UdSSR 1981 die Errichtung eines Militärregimes, um, die demokratische
Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc" zu ersticken,
ohne selbst unmittelbar einzugreifen Dies alles belastete die Beziehungen
zum Westen. Hinzu kam noch eine sowjetische Aufrüstung auf dem Gebiet der
Mittelstreckenraketen, auf die die NATO seit 1983 mit der Stationierung
US-amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Westeuropa reagierte.
1985 wurde Gorbatschow Generalsekretär des ZK. Unter den Losungsworten
Glasnost ("Offenheit") und Perestrojka ("Umgestaltung")
proklamierte er eine Reformpolitik, die darauf abzielte, das politische und
wirtschaftliche System effektiver zu gestalten und in gewissem Umfang zu
demokratisieren.
In der Außenpolitik unternahm Gorbatschow Schritte zu einer
Entspannung im Ost-West-Verhältnis. 1987 schloss die Sowjetunion mit den USA ein
Abkommen über die Beseitigung aller in Europa stationierten
Mittelstreckenwaffen. 1988 unterbreitete sie mehrere Abrüstungsvorschläge und
zog bis zum Februar 1989 ihre Truppen aus Afghanistan ab. 1989/90 tolerierte die
UdSSR den demokratischen Wandel in den osteuropäischen Staaten sowie die
deutsche Wiedervereinigung. Außerdem stimmte sie der Auflösung des Warschauer
Paktes und des COMECON zu und unterzeichnete 1990 einen Vertrag über
konventionelle Abrüstung in Europa sowie die Pariser Charta für ein neues
Europa. Damit war das Ende des Ost-West-Konflikts besiegelt. Am 31.07.1991
wurde in Moskau der START-Vertrag mit den USA unterzeichnet.
Innenpolitisch entwickelte die Bewegung, die Gorbatschow in
Gang setzte, eine Eigendynamik, und der Wandel ergriff immer
weitere Bereiche. Schon bald hielt es Gorbatschow für geboten, zwischen vorwärts
drängenden und rückwärts gewandten Kräften zu lavieren. Einerseits führte er
1988/89 einen rudimentären Parlamentarismus ein, andererseits erreichte er 1990
die Einführung eines Präsidialsystems, das ihm als Staatspräsidenten nahezu
unbeschränkte Vollmachten verschaffte. Im gleichen Jahr verzichtete die
KPdSU auf ihren verfassungsmäßigen Anspruch, die führende Kraft der
Gesellschaft zu sein. Mehrere prominente Reformer verließen die Partei (u. a. B.
Jelzin und E. Schewardnadse).
In den baltischen Republiken bildeten sich 1988 "Volksfronten",
die Autonomie und Demokratie forderten. 1990 erklärte sich Litauen als erste
Republik für unabhängig. 1991 fanden in den drei Republiken Volksbefragungen
statt, in denen sich große Mehrheiten für die Unabhängigkeit aussprachen.
Vergleichbare Entwicklungen gab es in allen Unionsrepubliken. In Transkaukasien
brachen parallel mit der Unabhängigkeitsbewegung alte nationale Konflikte auf.
Zwischen Armeniern und Aserbaidschanern kam es zu schweren Kämpfen.
1991 stimmte eine Mehrheit für den Erhalt der UdSSR als
Föderation gleichberechtigter Republiken.
Am 19.08.1991 unternahmen konservative Kräfte einen
Staatsstreich, der erfolglos blieb. Die Reformer um B. Jelzin wurden gestärkt. Die Tätigkeit der KPdSU wurde
bis auf weiteres untersagt; in einigen Republiken wurde die Partei definitiv
verboten. Gorbatschow trat als Generalsekretär zurück. Die meisten
Unionsrepubliken erklärten sich für unabhängig. Am 6.9.1991 erkannte der neu
gebildete Staatsrat die Unabhängigkeit der drei baltischen Republiken an.
Gorbatschow wurde von B. Jelzin immer mehr in den
Hintergrund gedrängt. 1991 gründeten Russland, die Ukraine und
Weißrussland eine "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten"; ihr schlossen sich am 21.12. alle verbleibenden ehemaligen Sowjetrepubliken mit Ausnahme Georgiens an.
Daraufhin erklärte Gorbatschow seinen Rücktritt als Staatspräsident der UdSSR,
die damit aufgehört hatte zu existieren.
Russland seit 1992
Nach der Unterzeichnung eines Föderationsvertrages mit den
autonomen Gebieten und Republiken im März 1992 wurde die neue Staatsbezeichnung
Russländische Föderation - Russland eingeführt. Gegen den erheblichen
Widerstand konservativer Kräfte unternahm Jelzin zusammen mit dem
reformorientierten Ministerpräsidenten Gajdar erste Schritte zur
wirtschaftlichen Liberalisierung. Da sich die soziale Lage der Bevölkerung
rapide verschlechterte, sah sich Jelzin bereits im Dezember 1992 gezwungen,
Gajdar durch den konservativeren Tschernomyrdin zu ersetzen.
Die Demokratisierung Russlands kam nur zögernd voran, obwohl
sich eine Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum am 25.04.1993 für
Jelzins Politik aussprach. Im September 1993 erklärte Jelzin den
reformfeindlichen Obersten Sowjet Russlands sowie den Volksdeputiertenkongress
für aufgelöst und schrieb gleichzeitig Neuwahlen aus. Diese Maßnahmen führten zu
einem Putschversuch nationalistischer und kommunistischer Kräfte, den die Armee
mit Waffengewalt niederschlug. 1993 fanden die ersten freien
Parlamentswahlen in Russland seit der Oktoberrevolution sowie ein
Verfassungsreferendum statt. Während die neue Verfassung mit knapper
Mehrheit angenommen wurde, konnten sich die Reformparteien bei den Wahlen zur
Staatsduma nicht wie erhofft durchsetzen, da Rechtsnationalisten und Kommunisten
große Stimmenanteile gewannen. Tschernomyrdin wurde als Ministerpräsident
bestätigt. Im Dezember 1994 ließ Jelzin die Armee in Tschetschenien einmarschieren, das 1991 einseitig seine
Unabhängigkeit erklärt hatte und wo sich ein militärischer Konflikt zwischen der
Regierung von Präsident Dschochar Dudajew und der von Moskau
unterstützten Opposition entwickelt hatte. Daraus entwickelte sich ein verlustreicher Krieg mit den tschetschenischen
Separatisten. Aus den Dumawahlen 1995 gingen die Kommunisten als
stärkste Partei hervor. Tschernomyrdin blieb weiterhin Regierungschef. Bei den
Präsidentschaftswahlen 1996 konnte sich Jelzin gegen
den kommunistischen Kandidaten Sjuganow durchsetzen. Nach schwierigen
Verhandlungen unterzeichneten die Konfliktparteien in Tschetschenien im August
1996 ein Waffenstillstandsabkommen sowie im Mai 1997 einen Friedensvertrag. 1998 entließ Jelzin die Regierung Tschernomyrdin. Neuer Ministerpräsident
wurde Kirijenko. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich
dramatisch und es kam zu innenpolitischen Turbulenzen, sodass sich Kirijenko
nicht lange im Amt halten konnte. Die Duma wählte im J. Primakow zum neuen Regierungschef. Er wurde bereits im Mai 1999
von Präsident Jelzin wieder entlassen. Nachfolger wurde der
bisherige Innenminister Stepaschin. Im August 1999 ernannte Jelzin
W. Putin, den Leiter des Geheimdienstes, zum Ministerpräsidenten. Im
selben Monat eskalierten die Auseinandersetzungen mit aus Tschetschenien nach
Dagestan eingedrungenen muslimischen Rebellen. Erneut marschierte die russische
Armee in Tschetschenien ein, wo es in der Folgezeit zu schweren Kämpfen kam,
unter denen besonders die Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Bei den Dumawahlen
im Dezember 1999 gewannen die Kommunisten die meisten Stimmen vor der neu
gegründeten Gruppierung Jedinstwo (Einheit). Am 31.12.1999 erklärte
Präsident Jelzin vorzeitig seinen Rücktritt.
Die Führung der Amtsgeschäfte ging auf Putin über. Dieser
gewann die Präsidentschaftswahlen im März 2000 im ersten Wahlgang mit absoluter
Mehrheit. Im Mai 2000 wurde der von Putin dem Parlament vorgeschlagene Kasjanow neuer Ministerpräsident. Eine Lösung des
Tschetschenienkonflikts gelang nicht. 2003 bestätigten die
Wähler den politischen Kurs Putins und machten die von ihm protegierte Partei
Einiges Russland zur stärksten parlamentarischen Kraft. Im Februar 2004
entließ Putin die Regierung Kasjanow. Nachfolger wurde Michail
Fradkow. Bei der Präsidentenwahl im gleichen Jahr gewann Putin
erwartungsgemäß mit überwältigender Mehrheit das Mandat für eine zweite
Amtszeit. Auf die mit dem Tschetschenienkonflikt verbundene Eskalation des
Terrorismus reagierte
Putin mit einer Verschärfung seiner autoritär-zentralistischen Politik, die eine
wirkliche Gewaltenteilung nicht zuließ.
Die russische Außenpolitik betonte auch nach dem Ende der UdSSR
den Großmachtstatus des Landes, zeigte sich jedoch um eine Öffnung zum Westen
bemüht (Abzug der letzten Truppen aus Deutschland 1994, Beitritt zum Europarat
1996). Ein militärisches Eingreifen im Kosovo lehnte die russische Führung ab.
Auch die NATO- u. EU-Osterweiterung betrachtete sie mit Skepsis, obwohl sie die
Zusammenarbeit mit beiden Organisationen intensivierte. Nach den Anschlägen vom
11. 9. 2001 erklärte die russische Regierung ihre Solidarität mit den USA im
Kampf gegen den internationalen Terrorismus, sprach sich aber gegen eine
gewaltsame Lösung des Irak-Konflikts aus. Die Vollmitgliedschaft bei den
G8-Staaten bedeutete einen erheblichen außenpolitischen
Prestigegewinn. Während sich die Beziehungen zu China verbesserten, verhinderte
die ungelöste Kurilen-Frage weiterhin die endgültige Normalisierung des
Verhältnisses mit Japan.
Politik und Verfassung
Nach der am12.12.1993 angenommenen Verfassung
ist Russland eine präsidiale Republik. Der Präsident wird für vier Jahre direkt
vom Volk gewählt. Eine einmalige Wiederwahl ist zulässig. Zu seinen Vollmachten
gehört die Ernennung des Ministerpräsidenten und der Minister. Er ist
Oberbefehlshaber der Streitkräfte und bestimmt die Außen- und
Sicherheitspolitik. Dem Staatsoberhaupt stehen weit gehende Rechte zu, die ihm
das Regieren durch Erlasse und Verordnungen erlauben. Außerdem hat er gegen
Gesetzesbeschlüsse des Parlaments ein Vetorecht, das nur mit Zweidrittelmehrheit
aufgehoben werden kann.
Das Zweikammerparlament besteht aus der Staatsduma und dem
Föderationsrat, die zusammen die Föderationsversammlung bilden. Die 450
Abgeordneten der Duma werden teils nach Verhältnis-, teils nach
Mehrheitswahlrecht gewählt. Die 89 territorialen Einheiten Russlands entsenden je 2 Vertreter in den Föderationsrat.
Wichtige Parteien sind das dem Kreml nahestehende Bündnis
Einiges Russland, die linksnationalistische Partei Heimat, die
rechtsextremistische Liberaldemokratische Partei Russlands sowie die
Kommunistische Partei der Russischen Föderation. Daneben gibt es eine Vielzahl
weiterer Parteien mit unterschiedlichem politischem Profil.
Bilder.
© M. Frunzke
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