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Die Erde und ihre Länder
Europa

 

Deutsche Geschichte 800-1945

 

 

 Karl der Große, Kaiser s. 800, König der Franken 768-814, Herrscher des Frankreiches

Das von Karl dem Großen (747-814) geschaffene Reich der Franken, das die Gebiete des heutigen Frankreich, Westdeutschlands und Oberitaliens umfasste, bestand nur ein halbes Jahrhundert. Im
Vertrag von Verdun teilten sich 843 die Enkel Karls den Besitz, wobei Ludwig der Deutsche (806-876) den östlichen Teil erhielt. Dieses Ostfränkische Reich bildete die Keimzelle des späteren Deutschen Reiches. Nach dem Aussterben der Karolinger kam 919 mit Heinrich I. (um 875-936) die sächsische Dynastie auf den Königsthron. Sein Sohn Otto I. (912-973) setzte das von Heinrich begonnene Einigungswerk der deutschen Stämme erfolgreich fort. Mit seiner Kaiserkrönung 962 in Rom erneuerte er die Reichsidee Karls des Großen, legte den Grundstein für das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" und damit für die deutsche Kaiserpolitik in Italien. Durch die Gründung von Grenzmarken im Osten leitete er eine Entwicklung ein, die später in der deutschen Ostkolonisation gipfelte.
Unter der 1024 an die Macht gekommenen Salischen oder Fränkischen Dynastie entstand ein tiefer Gegensatz zwischen den deutschen Kaisern und den Päpsten in Rom. Das Wormser Konkordat von 1122 überbrückte zwar die Gegensätze, doch flackerten sie im folgenden Jahrhundert immer wieder auf. Unter den Stauferkaisern erlebte das Reich zwischen 1138 und 1254 die glanzvollste Epoche des Mittelalters. Doch dann setzte ein allmählicher Niedergang ein.
Im späten Mittelalter wählten die sieben deutschen Kurfürsten möglichst schwache Herrscher aus verschiedenen Familien. Diese wiederum bemühten sich, eine Hausmacht aufzubauen, um so gestärkt den Fürsten entgegentreten und der eigenen Familie die Nachfolge sichern zu können. Aus der mit Rudolf von Habsburg (1218-1291) beginnenden Reihe der spätmittelalterlichen Herrscher ragte Karl IV. (1316-1378) aus dem Hause Luxemburg hervor, der mit der "Goldenen Bulle" das erste Reichsgrundgesetz schuf und damit auch Ordnung in das System der Königswahlen brachte.
Hatten in der staufischen Zeit Lehenswesen und Rittertum eine hohe Blüte erlebt, so begann seit dem 14. Jahrhundert der Aufstieg der Städte und des Bürgertums. In Städte- und Handelsbünden wie der Hanse in Nord- und Mitteldeutschland erlangten sie politische und wirtschaftliche Macht und wurden zu Trägern des kulturellen Lebens.

Protestanten und Katholiken

 

 
   Martin Luther
 
Von 1438 an stellte das Haus Habsburg bis 1740 in ununterbrochener Reihenfolge die deutschen Könige. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wirkte sich die von Martin Luther (1483-1546) eingeleitete Reformation gleichermaßen nachhaltig auf das religiöse, geistige und soziale Leben aus und führte schließlich zu einer politischen Polarisierung. Während die Kaiser aus dem Hause Habsburg die katholische Seite unterstützten, standen der größere Teil der deutschen Fürsten und das Bürgertum auf Seiten der reformatorischen Bewegung. Zwar legte nach langen Auseinandersetzungen der Augsburger Religionsfriede 1555 die Gleichberechtigung der beiden Konfessionen ausdrücklich fest, aber bis 1618 spitzten sich die Verhältnisse wieder so zu, dass eine gewaltsame Lösung unvermeidlich schien. Der daraus erwachsene Dreißigjährige Krieg war nur in seiner ersten Phase ein Religionskrieg; durch das Eingreifen Schwedens und Frankreichs weitete er sich zu einer europäischen Auseinandersetzung aus, unter der Deutschland schwer zu leiden hatte. Der Westfälische Friede von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, förderte die Aufsplitterung des Reiches in zahlreiche Fürstenhäuser, die ihre Macht im Geist des Absolutismus auszubauen suchten. Als die beiden bedeutendsten kristallisierten sich dabei Brandenburg-Preußen und Österreich heraus, die sich dann erstmals um die Mitte des 18. Jahrhunderts in den Schlesischen Kriegen bekämpften.

Vom Deutschen Bund bis zum "Dritten Reich"

 

 

  Otto von Bismark (1815-1898)
 
Die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege führten zur Auflösung des alten Reichsverbandes. Zwar schlossen sich die Fürsten 1815 in einem Deutschen Bund zusammen, aber sie unterdrückten gleichzeitig alle weiteren Einigungs- und vor allem Liberalisierungsbestrebungen. Dies führte 1848/49 zur Revolution in den deutschen Städten, die aber ohne greifbaren Erfolg endete. Im Deutschen Krieg von 1866 zwang Preußen seinen Rivalen Österreich zum Ausscheiden aus dem Bund, und fünf Jahre später gelang dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (1815-1898) nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 die Gründung des zweiten deutschen Kaiserreiches unter der Führung Preußens. Bismarck selbst prägte die deutsche Politik der folgenden zwei Jahrzehnte, doch unter seinen Nachfolgern und dem eigenmächtigen Regime Kaiser Wilhelms II. (1859-1941) trieb das Reich unaufhaltsam der Katastrophe des Ersten Weltkrieges entgegen.




  Adolf Hitler
 

Die 1919 (Kriegsende 1918) entstandene Weimarer Republik wurde in den nur fünfzehn Jahren ihres Bestehens von schweren wirtschaftlichen und politischen Krisen erschüttert. Dies erleichterte 1933 den Nationalsozialisten die Übernahme der Macht. Im "Dritten Reich" bauten Adolf Hitler (1889-1945) und seine Anhänger eine bedrückende Diktatur auf. Der von ihnen ausgelöste Zweite Weltkrieg brachte für Deutschland zwar das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft, zugleich aber auch den Verlust weiter Ostgebiete, militärische Besetzung, Zerstörung, Flüchtlingselend und vor allem die Teilung in zwei Staaten.

Deutsche Teilung und Wiedervereinigung
  

 

 
  Reims (7.05.1945): General A. Jodl unterschreibt die Kapitulationsurkunde
  im US - Hauptquartir von General Eisenhower

 
Der Zweite Weltkrieg endete in Europa am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Die Siegermächte - die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich - teilten Deutschland in vier Besatzungszonen auf. Die Militärbefehlshaber der vier Zonen bildeten den Alliierten Kontrollrat, der die oberste Regierungsgewalt in Deutschland übernahm. Die Hauptstadt Berlin gehörte keiner Zone an, sondern wurde von den vier Mächten gemeinsam verwaltet; jede erhielt einen Sektor der Stadt. Die Gebiete östlich der Oder und der Lausitzer Neiße wurden polnischer und zu einem kleinen Teil sowjetischer Verwaltung unterstellt. Obwohl die endgültige Grenze erst später festgelegt werden sollte, wurden die deutschen Bewohner dieser Gebiete vertrieben. Über elf Millionen Menschen mussten in den Besatzungszonen Unterkunft finden.

Die Teilung Deutschlands

Die vier Siegermächte wollten Deutschland gemeinsam regieren, doch schon bald entwickelten sich unüberbrückbare Gegensätze zwischen den drei Westmächten und der Sowjetunion - der "Kalte Krieg" begann. Mit dem Auseinanderbrechen der Viermächteverwaltung 1948 war die Teilung Deutschlands besiegelt. 1949 wurden auf deutschem Boden zwei Staaten gegründet: die Bundesrepublik Deutschland, eine parlamentarische Demokratie, und die Deutsche Demokratische Republik, eine sozialistische Volksdemokratie.

 

  1950 / Otto Grotewohl (links) gratuliert Wilhelm Pieck zu seiner Wahl zum   Präsidenten   der Deutschen Demokratischen Republik

Unter ihrem ersten Kanzler Konrad Adenauer (1876-1967) gliederte sich die Bundesrepublik in die Gemeinschaft der westlichen Demokratien ein. 1955 wurde sie Mitglied der NATO, 1957 gehörte sie zu den Gründern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der späteren EG. Ein beispielloser wirtschaftlicher Aufschwung, oft "Wirtschaftswunder" genannt, beseitigte rasch die Verwüstungen des Krieges und brachte der Bundesrepublik Massenwohlstand und innenpolitische Stabilität.

Eiserner Vorhang und Berliner Mauer

 

  Walter Ulbricht (1970)


In der DDR wurde unter Führung des SED-Parteichefs Walter Ulbricht (1893-1973) mit dem "Aufbau des Sozialismus" begonnen. Die autoritäre Herrschaft und die Mängel der Planwirtschaft veranlassten viele Bürger zur Flucht in die Bundesrepublik. Daher errichteten die DDR-Behörden ab 1952 Grenzbefestigungen, aber noch gab es in Berlin die offene Grenze zwischen dem sowjetischen Ostsektor und den Sektoren der drei Westmächte. 1961 schnitt die DDR auch diesen Fluchtweg ab, indem sie quer durch Berlin eine Mauer baute. Bis zu diesem Zeitpunkt zählte man insgesamt 3,5 Millionen Flüchtlinge.

Über zwei Jahrzehnte lang bestanden keine offiziellen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten, denn das SED-Regime einerseits und die CDU-Regierungen andererseits betrieben eine Politik strikter Abgrenzung. Anfang der 1970er Jahre begannen die beiden Regierungen miteinander zu verhandeln. Mehrere Verträge wurden geschlossen, die einige Erleichterungen etwa hinsichtlich der Reisemöglichkeiten für die Menschen in beiden Teilen Deutschlands brachten, aber die grundlegenden Gegensätze nicht aufheben konnten. Wirtschaftlich blieb die DDR weit hinter Westdeutschland zurück.

Die Reformpolitik, die seit 1985 in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow betrieben wurde, brachte Bewegung in die erstarrten Fronten. Die SED-Führung lehnte diese Politik ab. Damit verschärfte sie den Gegensatz zur Bevölkerung, die sich von Reformen eine Lockerung des Regimes erhoffte, vor allem Meinungs- und Reisefreiheit. Als Ungarn 1989 die Grenze zu Österreich öffnete, flohen in wenigen Tagen Zehntausende DDR-Bürger in die Bundesrepublik. In den Großstädten der DDR kam es zu Massendemonstrationen. Die SED-Führung musste reagieren. Parteichef Erich Honecker trat zurück; die neue Führung versprach Reformen, und am 9. November 1989 öffnete sie die Grenzen. Aber nun war es zu spät. Die immer zahlreicheren Demonstranten auf Straßen und Plätzen forderten das Ende des SED-Regimes und bald auch die Wiedervereinigung Deutschlands.

Die Wiedervereinigung

Die Sowjetunion und die DDR-Regierung lehnten den Gedanken der Wiedervereinigung kategorisch ab; die Westmächte standen ihm sehr reserviert gegenüber. Bundeskanzler Helmut Kohl legte einen vorsichtig formulierten Plan vor, der die staatliche Einheit als Endpunkt eines längeren Prozesses mit mehreren Zwischenstufen vorsah. Aber die Wirklichkeit ging über alle Einwände und Entwürfe hinweg. Jeden Tag verließen mehrere Tausend Menschen die DDR, die Zurückbleibenden riefen immer lauter nach der Einheit, und die Autorität des Staates verfiel zusehends. In der DDR fanden erstmals freie Wahlen statt. Die neue demokratische Regierung unter Lothar de Maizière handelte mit der Bundesregierung die Bedingungen der Vereinigung aus.

Als Vorstufe der staatlichen Einheit trat am 1. Juli 1990 eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen den beiden deutschen Staaten in Kraft; die Deutsche Mark der Bundesrepublik wurde zur alleinigen Währung in ganz Deutschland. Auch die Siegermächte stimmten nun der Wiedervereinigung zu. Die Sowjetunion erklärte sich damit einverstanden, dass das vereinigte Deutschland Mitglied der NATO würde. Die beiden deutschen Parlamente bestätigten die Oder-Neiße-Linie als endgültige Ostgrenze Deutschlands. Am 3. Oktober 1990 wurde in Berlin der Beitritt der bisherigen DDR zur Bundesrepublik feierlich vollzogen.

Innenpolitisch waren die 1990er Jahre von dem Bemühen getragen, gleichartige Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland herzustellen. Der Aufbau eines demokratischen Rechts- und Gesellschaftssystems sowie der Umbau der DDR-Wirtschaft verlangte großen Einsatz, der mit Steuern, sozialpolitischen Einschnitten und höherer Staatsverschuldung "bezahlt" wurde. Mit Reformen im Gesundheitswesen und in der Altersversorgung sowie der Anpassung an eine globalisierte Wirtschaft versuchten sowohl die christlich-liberale Regierung unter Kanzler Helmut Kohl wie auch die seit 1998 amtierende rot-grüne Koalition von Gerhard Schröder, den "Standort Deutschland" zu sichern. Außenpolitisch trieb Deutschland die europäische Einigung voran und stärkte seinen internationalen Einfluss u. a. durch Beteiligung an Kriseneinsätzen (Balkan, Afghanistan).

 

 

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