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Deutsch - Literatur
Gedichte

Die tiefste Nähe

Ich muß dich immer wieder neu entdecken:

Dein Haar, die Augen, deinen Mund, die Hand,

links überm Mund den kleinen braunen Flecken,

die Haut: Geruch von Schnee und Sonnenbrand,

 

die Sommerlippen und dein Frühjahrshaar,

die Hand im Herbst und deinen Wintermund,

in deinen Augen steht septemberklar

mein eignes Bild, erhellt bis auf den Grund.

 

Ich muß mich immer wieder neu entdecken,

mein eignes Bild ist vor mir aufgestellt

in deinem Bild – mich zu erwecken

wenn die Verzweiflung lähmend mich befällt.

 

Du bist mein Wachsein. Auch dein Schlaf bewacht

mit seinem Atem meine wunde Nacht.

 

 Ich muß dich immer wieder ferner rücken, du

mir Allernächste, um mich zu erblicken,

dann kann ich dir von ferne Grüße schicken

und komme wieder näher auf dich zu.

 

O die Gefahr der Nähe! wo Verlust

nicht ständig mich bedroht. Nur im Bemühen

halt ich mich grad und bleibe kraftbewusst.

Wenn ich gewann, beginn ich zu verglühen.

 

Entreiß ich mir! Wenn du in Stücke reißt

das Unzertrennliche, werd ich es fügen,

und nichts wird, dich zu halten, mir genügen,

damit du weißt, was du heut nicht mehr weißt:

 

Die tiefste Nähe bist du, die zu mir

ich selbst gewinnen kann. Ich bin in dir.

                                                                                                            
                                                                             
Johannes R. Becher
 

 

 

 

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